Report zu Superreichen in Deutschland: Sei kein Idiot!

A uf dem Weg von der Kita in die Redaktion kam mir heute früh ein Mann entgegen, der Chips aus einer Tüte aß. Ich war schon an ihm vorbeigegangen, als ich auf sein zaghaftes Zeichen reagierte und stehenblieb. Der Mann war zerlumpt und schmutzig, ob er 50 oder 80 war, hätte ich nicht sagen können.

Ich machte meine Tasche auf, kramte mein Portemonnaie hervor und gab ihm zwei Euro. Dann fragte er mich nach einer Zigarette und ich gab ihm zwei. Feuerzeug hatte er auch keines, da schenkte ich ihm meines, auch weil ich nicht in zu engen Kontakt mit ihm treten mochte.

Er bedankte sich und ich wünschte ihm alles Gute. Später am Schreibtisch wollte ich meine Stulle aus der Tasche holen und kam dann darauf, dass ich sie wahrscheinlich verloren hatte, als ich meine Tasche durchkramte, nach Kleingeld, Feuerzeug und Zigaretten. Ich schreibe diesen Text also hungrig.

Superreiche sind superunerreichbar

Hungrig soll man bekanntlich nicht einkaufen gehen; und auch Forderungen zu stellen, die keine gesellschaftliche Basis haben, scheint mir sinnlos. Die circa 5.000 Superreichen etwa, die nach den neuen Zahlen des Global Wealth Report der Boston Consulting Group mehr als ein Viertel des Finanzvermögens in Deutschland besitzen, sind nicht nur superreich, sie sind auch superunerreichbar, nicht ansprechbar für meine Sorgen und schon gar nicht für die des Mannes heute Früh.

Sie gehören nicht zu dieser Gesellschaft, sie streuen breiter und global, wie es im entsprechenden Räuberjargon heißt, in renditestärkere Anlageklassen wie Aktien oder Private Equity. Sie entziehen der Gesellschaft ihr ständig anschwellendes Vermögen, was nichts anderes bedeutet, als dass sie sich der Gesellschaft selbst entziehen. In den Worten eines griechischen Beobachters vor mehr als 2.000 Jahren: „Die Reichen werfen das Ihrige lieber ins Meer, als es den Armen zu geben.“

Wenn sich also mit den Überreichen kein Staat machen lässt, dann muss sich der Rest Gedanken machen, wie er mit den tatsächlich rekrutierbaren Mitteln zurechtkommt, damit alle in Würde leben können; und zwar ohne im Geringsten Kompromisse einzugehen mit denjenigen, die auf noch mal ganz andere Weise die Gesellschaft zerstören wollen, indem sie nämlich Teile der Bevölkerung rassistisch ausgrenzen möchten und eine Art Sklavenhaltergesellschaft anstreben, die – wir sollten hoffnungsvolle Signale nie ignorieren – in Russland gerade auf ihren Totalzusammenbruch hinsteuert.

Die Griechen nannten sie „Idioten“

Wer wirklich in dieser Gesellschaft, in diesem Land lebt, wer Kinder großzieht und sich um die Alten und Kranken kümmert, steht vor der riesigen Herausforderung, sich nicht abstumpfen zu lassen vom täglichen Mangel und Elend. Diese Menschen treffen täglich Entscheidungen, im Beruf, in Engagement in Vereinen und sozialen Einrichtungen; und diese Entscheidungen sind oft unbequem, weil sie dem Privatleben Zeit entziehen, weil sie Opfer erfordern.

Wenn wir nochmal zu den Griechen zurückgehen, die „Idiot“ nannten, wer sich als Privatperson versteht und sich für nichts engagiert als für sich selbst, dann sind die Reichen, die sich Entziehenden, ob sie sich nun Familienunternehmer nennen oder in Dubai herumlungern, die wahren „Idioten“, die nämlich nichts zur öffentlichen Sache beitragen oder jedenfalls weit entfernt von dem, was ihnen möglich wäre.

„Sei kein Idiot“ ist als Slogan wahrscheinlich erst mal langweiliger als „Get rich or die trying“ oder sogar als irgendwelches Lambo-Gelalle. Und ich würde jetzt auch lieber in meine Stulle beißen. Aber am Ende war mein Anhalten, meine noch so geringe Zuwendung heute Morgen, das Beste, was dieser Tag gebracht haben wird. Die Superreichen haben nichts verdient außer unserer tiefen Verachtung. Aber klarkommen müssen wir ohne sie. Wie hieß das mal? „Wir schaffen das!“

  • informationsspiegel

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