Robyn über ihr Album „Sexistential“: „Mit Musik schaffe ich Raum für Utopien und Gefühle“

taz: Robyn, im Promotionstext zu Ihrem neuen Album „Sexistential“ gibt es einen schönen Satz: „Es ist, als könnten wir kaum noch akzeptieren, dass wir einfach Menschen sind.“ Was ist das denn überhaupt, das menschliche Maß?

Robyn: Dass wir nicht wissen, warum wir hier sind. Das ist der verrückte Teil. Niemand weiß es wirklich. Ist doch komisch, dass wir kleine Klumpen auf einem riesigen Gesteinshaufen sind, der durch den Weltraum dreht, und wir wissen nicht warum. Gleichzeitig müssen wir mit diesen super banalen und sehr, sehr realen Bedürfnissen umgehen: Hunger und Liebe. Dieser Widerspruch ist vielleicht die prägendste Eigenschaft des Lebendigen. Aber dafür gibt es nicht viel Raum in der Art, wie wir leben.

taz: In Ihrer Musik öffnet sich dieser Raum. Der Sound ist, wie schon früher, sehr treibend und sehr körperlich. Trotzdem tragen Ihre Songtexte eine gewisse Melancholie oder Traurigkeit. Wie verbinden Sie das?

Robyn: Das versuche ich selbst zu verstehen. Um es musikalisch nerdig auszudrücken: Meine Obsession ist, wenn der Rhythmus der Wörter die Melodie in einen Groove drückt, der etwas mit meinem Körper macht. Die Schwerkraft dahinter ist ja nicht von mir gemacht, das macht der Weltraum. Es ist tröstend zu wissen, dass das Universum sich wirklich nicht um uns schert. Es ist super beunruhigend, aber es ist auch sehr tröstlich, weil es dieses andauernde Mysterium gibt, lebendig zu sein. Warum fühlen wir Dinge, wenn wir Rhythmus hören? Warum fühlen sich bestimmte Dinge weit und frei an?

Im Interview: Robyn

geboren 1979 in Stockholm, bürgerlich Robin Miriam Carlsson feierte internationale Hits mit Eurodance-Pop, bevor sie 2005 ihr Major-Label verließ und Konichiwa Records gründete. Mit der Body Talk-Trilogie (2010) und „Dancing On My Own“ wurde sie zur Referenzfigur eines Popsounds, der Dancefloor-Euphorie und emotionale Verletzlichkeit zusammenbringt. 2018 erschien ihr letztes Album „Honey“. Seither hat sie sich durch IVF den Wunsch nach einem Kind erfüllt und ist heute alleinerziehende Mutter. Ihr neues Album „Sexistential“ wird am 27. März 2026 veröffentlicht.

taz: Gilt Schwerkraft auch auf dem Feld der Musik?

Robyn: In der Musik sind diese physikalischen Gesetze unmöglich zu ignorieren. Wenn etwas nicht groovt, groovt es einfach nicht. Prince pflegte zu sagen: „Versuche nicht, den Funk zu erklären, denn er kann nicht erklärt werden.“ Es ist sehr befriedigend, dass niemand es weiß, weil es bedeutet, dass ich diesen geheimen Ort habe, an den ich fliehen kann. An dem ich einfach in dieser Beziehung zwischen Rhythmus und Melodie sein kann. Und manchmal trifft man da etwas, bringt etwas zum Keimen, das vielleicht über deinen kleinen Ort und dein isoliertes kleines Gefühl hinauswachsen kann, dadurch, weil der Song das bei allen anderen auch auslöst. Das ist eine wunderschöne Sache.

taz: Tanzen Sie zu Ihrer eigenen Musik?

Robyn: Ja, auf jeden Fall. Das muss so sein, sonst veröffentliche ich sie nicht. Das war eines der Kriterien der neuen Songs: Die Musik muss grooven, sie muss körperlich inspirierend sein. Das war auch wichtig für mich wegen der Klaustrophobie, die ich zu spüren begann, als ich versuchte, schwanger zu werden, datete und alleinerziehende Mutter wurde, mit all den Stigmata darum herum. Ich musste definitiv mit Ängsten umgehen.

Aber inmitten all dessen waren solche Ausnahmesituationen auch wirklich komisch. Etwa, mir Hormone zu spritzen und dann auf ein Date zu gehen. Da lag ein Widerspruch in der Situation, der urkomisch und auch ziemlich punk war. Meine Erfahrung davon war komplexer als es mir zurückgespiegelt wurde. Deshalb musste die Musik auch weit klingen. Die Ambivalenz, die Kombination ist real. Sie ist näher an der Realität als nur traurig oder nur glücklich zu sein.

taz: Hat diese Erfahrung, alleine Mutter zu werden, Ihre Definition von Liebe erweitert?

Robyn: Definitiv! Aber von innen heraus, nicht von einem theoretischen Ort. Ich wollte auch früher immer Mutter werden. Ich habe mich oft dagegen entschieden, Kinder zu bekommen, weil ich nicht in einer Beziehung war, von der ich das Gefühl hatte, dass sie das tragen könnte. Eine Art Selbstschutz. Aber ich glaube, wenn man ein Kind bekommen will, ist das, was man in einer perfekten Welt wirklich tun sollte, eine echte Beziehung zu schaffen.

Eine, die resilient ist, sehr verantwortungsvoll und wirklich intim ist. So eine vertrauenswürdige Person zu finden, ist gar nicht so einfach. Genauso kompliziert ist es, einen Raum zu schaffen, in dem man geborgen ist. Ich fühle nicht, dass meine Liebe zu meinem Sohn tiefer ist als die Liebe, die ich für andere Menschen habe. Ich glaube, es ist dieselbe. Es ist nur so, dass man, wenn man ein Kind hat, wirklich, wahrhaftig ein besserer Mensch werden muss. Meine Liebe einfach in einen anderen Menschen schütten zu können, hat so viel Platz geschaffen. Es war wirklich befreiend für mich, den Liebesakt von der Babyproduktion und der Familiengründung zu trennen.

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Das Album

Robyn: „Sexistential“(Konichiwa/Young/Indigo) erscheint am 27. März 2026

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taz: Sie kommen gerade aus einer siebenjährigen Schaffenspause zurück. Für einen Popstar eine Ewigkeit, in der sich die Musikindustrie komplett verändert hat, auch was den menschlichen Faktor angeht. Ob es nun KI oder Streaming-Algorithmen und die daraus resultierenden Hörgewohnheiten der Playlist-Ökonomie sind, wie fühlt sich das an?

Robyn: Schon bei meinem letzten Album war Streaming die Norm. Aber mittlerweile diktiert Social Media, wie die Leute Musik konsumieren und welche Musik. Es ist ein Luxus, da nicht konkurrieren zu müssen, weil ich bereits vor Social Media angefangen habe. Vielleicht ist es das erste Mal in der Musikgeschichte, dass ältere KünstlerInnen im Vorteil sind, weil die gesamte Geschichte schon dokumentiert ist.

Für Newcomer gibt es nichts da draußen, auf das die Leute zurückgreifen können. Und du bist jetzt so abhängig davon, diesen ganzen Berg an Content zu erstellen, damit die Leute überhaupt Interesse haben, sich mit deiner Musik zu beschäftigen. Das muss ich nicht. Ich kann einfach weiter auf meinem Fundament aufbauen, auch ohne Social Media. Das ist vielleicht am schwierigsten zu erreichen, weil diese Arbeit so viel Zeit braucht. Und ich glaube nicht, dass viele Musiker das wirklich als Teil ihrer Tätigkeit betrachten.

taz: Künst­le­r:in­nen klagen mittlerweile, dass sie auf eine bestimmte Art produzieren müssen, um vom Algorithmus bevorzugt zu werden.

Robyn: Sich daran zu orientieren, halte ich für einen schlechten Rat, besonders für junge Talente. Den gesellschaftlichen Algorithmus lesen und einen Weg finden, ihn zu knacken, das haben Künstler doch schon immer gemacht. Aber das kann auf gute und auf schlechte Art passieren. Der gute Weg – und es gibt ihn – ist einer, der nicht auf kommerziellen Interessen basiert. Ich kriege diesen Rat nur für Social Media. Strategisches Promoten. Das ist jetzt einfach Teil meines Berufsfelds.

taz: Ihre Songtexte klingen sehr persönlich, sehr roh. Haben Sie diese Offenheit retrospektiv schon mal bereut?

Robyn: Man muss sich exponieren. Es ist uninteressant, jemandem zuzuschauen oder zuzuhören, der kein Risiko eingeht. Welches Risiko du eingehen willst, liegt an dir, aber wenn du jemandem auf der Bühne zuschaust oder ein Werk betrachtest und du nicht das Gefühl hast, dass die Person, die es gemacht hat, wirklich etwas Reales erforscht, das ist doch langweilig.

Jemand setzt etwas aufs Spiel und verhandelt musikalisch, das dies für sie riskant ist. Bleibt das aus, dann gibt es keinen echten Grund, sich damit zu engagieren. Für mich ist es nie strategisch. Wenn mich jemand definiert oder einschränkt, rebelliere ich dagegen. Musik ist für mich ein Weg, Utopien zu definieren, in denen es Platz für meine Gefühle gibt. Ausdruck wird berührend, wenn er aus einer Notwendigkeit heraus entsteht.

taz: Selbst Utopie scheint in den vergangenen Jahren immer utopischer zu werden.

Robyn: Ich bin in vielerlei Hinsicht privilegiert, besonders was das Land betrifft, in dem ich geboren wurde. Schweden ist im internationalen Vergleich immer noch extrem offen. Also würde ich nicht sagen, dass ich direkt davon betroffen bin. Aber es ist mir entsetzlich bewusst, wie stark der Anstieg von Misogynie unter jungen Menschen und jungen Männern ist. Das ist extrem beunruhigend.

  • informationsspiegel

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