Rubens auf der Art Basel: Erlöste Märkte

In dicklichem Rosa rollt sich die Haut des Jesusbabys im Nacken zusammen, den Kopf mit lächelndem Blick der Mutter zugewandt. Maria, erkennbar im roten Gewand, die linke Brust korallig-leuchtend entblößt, hält ihren Sohn fest in beiden Händen, die hellbewimperten Augen zaghaft gesenkt. Fast sieht es so aus, als blicke sie am Kind vorbei direkt zum Lamm, Symbol ihres Sohnes, welcher für die sündige Welt sterben wird. Ein weiteres nacktes Kind wird an ihren Sohn gedrückt. Es ist der junge Johannes, der spätere Täufer, auch er gehalten von der Mutter, der heiligen Elisabeth, Marias Cousine, die – oh Wunder – durch Gott gesegnet den Sohn im hohen Alter noch gebar.

Die Szene war ein beliebtes Motiv im italienischen Barock. Dieser Tage macht es unerwartet in Paris Furore, als Schlüsselwerk des Messestands von Larry Gagosian im Grand Palais auf der Art Basel Paris, einer Messe für moderne und zeitgenössische Kunst. Nun ist das hier beschriebene Gemälde, das erst 2020 beim Auktionshaus Sothebys für 7,1 Millionen Dollar veräußert wurde, weder zeitgenössisch noch italienisch, sondern wird ausgerechnet dem Flamen Peter Paul Rubens zugeschrieben, datiert auf circa 1611–14.

Rubens taucht seine Szene in goldenes Licht, es zieht den Betrachtenden regelrecht ins Bild, die Sinnlichkeit des Motivs ist unabstreitbar, die Intimität des Moments wird durch die für Rubens typische Fleischlichkeit noch verstärkt.

Während der globale Kunstmarkt einbricht, zeigt der US-amerikanische Mega-Dealer 30 Jahre nach seiner spektakulären New Yorker Rubens-Schau den alten Meister in Paris und bekommt dafür eine Ausnahmegenehmigung der Messe, die sonst rigoros ihre Grenze bei 1900 zieht. Es passt in den Zeitgeist. Warum? Kunstgeschichte wird hier in ihrer ewigen Kontinuität abgebildet. Rubens soll in einen Dialog mit den ihn umgebenden Werken des Standes gebracht werden.

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Gagosians Stand schreit: Es ist wieder 1995

Er hebelt so den Wert der Nachbarn: Pablo Picasso, John Currin, Auguste Rodin, Jenny Saville, Sterling Ruby, Helene Frankenthaler und andere scheinen zu versprechen, in 400 Jahren der nächste Rubens zu sein. Gagosian besinnt sich auf etablierte Positionen. Statt ultracontemporary schreit der Stand: Es ist wieder 1995.

Was er außerdem schreit, ist: altes Geld. Vielleicht kann der Rubens in Paris auch als Zeichen interpretiert werden, Stabilität und Exklusivität in Zeiten von Kryptokunst und willkürlichen Start-up-Bros zu signalisieren, ohne dabei eine echte Gegenposition einzunehmen. Als verzweifelter Versuch, durch Vergangenheit Zukunft zu behaupten. Ein bisschen wie beim Jesusbaby. Und so geht die Party weiter, solange die Musik spielt – nur tanzen alle ein bisschen näher am Ausgang.

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