„Ich hatte meinen Sohn mitgenommen, um ihn seinem Vater zu zeigen! Und das habe ich auch geschafft“, weint eine junge Frau, während sie von anderen Passagieren aus einem brennenden Zug geholt wird. Ein Soldat der 93. Brigade, der mit ihr in diesem Zug saß, trägt ihr Kind. Er hat auch ein Video von dem Angriff aufgenommen und ins Internet gestellt. Es ist schwer, die ängstlichen Augen des wenige Monate alten Jungen zu vergessen. Es scheint, als ob er alles verstehe und deshalb ganz ruhig sei.
Am 27. Januar gegen vier Uhr Nachmittags haben die russischen Streitkräfte nahe der Kleinstadt Barwinkowe im Gebiet Charkiw, etwa 50 Kilometer westlich von Slowjansk, den Passagierzug Nr. 47/103 auf der Fahrt ins westukrainische Lwiw mit 155 Reisenden beschossen.
Die erste Drohne, eine „Geran-2“ (das ist die russische Version der iranischen „Schahed“-Drohnen; Anm. d. Autors), explodierte direkt neben dem Zug und brachte ihn zum Stehen.
Die zweite Drohne traf eine Oberleitung, die dritte schlug direkt in einen Waggon mit 18 Personen ein. Einige konnten fliehen, andere starben, wieder andere gelten noch als vermisst.
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Mit dem Einmarsch im 24. Februar 2022 begann der groß angelegte russische Angriffskrieg auf die Ukraine. Bereits im März 2014 erfolgte die Annexion der Krim, kurz darauf entbrannte der Konflikt in den ostukrainischen Gebieten.
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Genaue Todeszahl steht noch nicht fest
Der Waggon brannte vollständig aus. Vor Ort fanden die Bergungsteams zahlreiche Leichenteile. Fünf Todesopfer sind sicher, die endgültige Zahl wird jedoch erst nach einer DNA-Untersuchung bekannt gegeben. „Die Leichen wurden in Stücke gerissen und verbrannten anschließend“, heißt es aus der Staatsanwaltschaft des Gebietes Charkiw. Ein 29-jähriger Mann und eine 26-jährige Frau wurden mit Verletzungen ins Krankenhaus gebracht, sie sind nicht in Lebensgefahr.
Wolodymyr Selenskyj
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sagte zu dem russischen Angriff: „In jedem Land würde ein Drohnenangriff auf einen Passagierzug als reiner Terrorakt bewertet werden. Weder in Europa noch in Amerika, weder in der arabischen Welt noch in China oder anderswo gäbe es Zweifel an dieser Einstufung. Es gibt keinen Grund und kann kein militärisches Ziel sein, Zivilisten in einem Zug zu töten“, so Selenskyj.
Hybride russische Propaganda
Praktisch nach jedem dieser grundlosen Angriffe auf Zivilisten starten die Russen hybride Informationskampagnen, um verschiedene Versionen zu verbreiten und die öffentliche Meinung über den Angriff zu verwässern. Dieses Mal wurde, ohne die Tat an sich zu leugnen, behauptet, dass hier ein Militärzug beschossen worden sei. Weil ja ein Soldat der 93. Brigade den Menschen zu Hilfe kam. Aber diese Version scheint unhaltbar, weil es sich bei dem Zug Nr 47/103 um einen gewöhnlichen Passagierzug handelt, in dem jeder, auch Soldaten, mitfahren können.
Der Zug führte keine für Militärtransporte typischen Güterwagen für Militärtechnik, wie auf Videos und Fotos vom Ort des Geschehens zu sehen ist. Und in einem normalen Passagierwaggon ist kein Platz dafür.
Soldaten können in der Ukraine für Fahrten nach Hause oder an die Front jeden beliebigen Zug nutzen. Gerade in frontnahen Regionen, in denen nach wie vor Millionen Menschen leben, ist das ganz alltäglich.
Seit einem Jahr Drohnenangriffe auf bewegliche Ziele
Schon seit über einem Jahr greift Russland bewegliche Ziele mit Drohnen an. Das wurde aus zwei Gründen möglich. Zum einen wurde in das Steuerungssystem der Drohnen ein Modul zur Erkennung und Zielerfassung installiert. Die Drohne kann also während des Fluges einen Zug erkennen, ihn als Ziel erfassen, und selbst wenn Funksignale unterdrückt werden, den Zug einholen und treffen. Schon früher hatten Russen Lokomotiven während der Fahrt beschossen. Jetzt gehen sie systematischer vor.
Der zweite Grund ist, dass in russische Drohnen jetzt häufiger amerikanische Starlink-Antennen eingebaut sind, die eine stabile Internetverbindung ermöglichen und mit der man die Drohnen sogar manuell steuern kann. Darauf hatte bereits der ukrainische Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow hingewiesen und angekündigt, sich diesbezüglich an Starlink zu wenden.
Am Mittwochmorgen teilte die ukrainische Eisenbahn mit, dass 147 Passagiere und ein ziviler Evakuierungstrupp aus den 10 nicht zerstörten Waggons des Zuges evakuiert worden seien. Der Zug setzte dann seine Fahrt fort und kam, trotz Beschuss und Beschädigung, mit etwa 5 Stunden Verspätung in Lwiw an.
„Russland muss für seine Taten zur Rechenschaft gezogen werden. Nicht nur für die Angriffe auf unsere Menschen, auf unser Leben, sondern auch dafür, dass sie solche Angriffe überhaupt durchführen können. Die Russen haben ihre Möglichkeiten, zu töten und zu terrorisieren, erheblich erweitert, weil sie dort investieren. Und unsere Aufgabe – und das ist es, was alle normalen Menschen auf der Welt vereinen sollte – ist es, den Fortschritt beim Schutz des Lebens sicherzustellen. Dies geht, indem Druck auf Russland ausgeübt und Russland für seine Taten bestraft wird. Dazu muss die Ukraine unterstützt werden. Ich danke allen, die nicht schweigen, wenn sie sehen, was russische Terroristen tun“, so Wolodymyr Selenskyj.
Aus dem Russischen Gaby Coldewey







