Sachbuch über Armut und Arbeit: „Wenn ich Geld für Reisen ausgebe, fühle ich mich schuldig“

taz: Frau Davoudvandi, Sie berichten in Ihrem Buch von eigenen Erfahrungen mit dem Aufwachsen in Armut in Rumänien und in Deutschland. Warum war Ihnen diese persönliche Perspektive wichtig?

Miriam Davoudvandi: Gesellschaftliche Analysen und Statistiken zu Armut beziehen oft keine Stimmen und Perspektiven von Betroffenen ein, die aber nötig sind, um wirkliche Veränderung anzustoßen. Für mich und Millionen andere, die von Armut betroffen sind, ist das Thema immer persönlich. Gespräche darüber brauchen beides: persönliche Geschichten, um zu verstehen, wie sie sich auf die Leben von Menschen auswirkt, und analytische Zugänge, um das Ausmaß und die strukturellen Ursachen dahinter zu verstehen.

Im Interview: Miriam Davoudvandi

ist freie Journalistin, Autorin und Host des Podcasts „Danke Gut“. Sie wurde 1992 in Bukarest geboren. „Das können wir uns nicht leisten“ ist ihr Buchdebut.

taz: Wie haben diese Erfahrungen Ihren Blick auf die Gesellschaft geprägt?

Davoudvandi: Ich habe früh gelernt, dass das sich ewig haltende Narrativ der Meritokratie, dass jeder, der hart genug arbeiten würde, es schaffen würde, dass „jeder seines Glückes Schmied“ ist, eine gefährliche Lüge ist, die politische Wut in Leistung umzuwandeln versucht. Meine Familie hat in zwei, drei Jobs bis tief in die Nacht gearbeitet, wir hatten kein Auto, keine Urlaube – und trotzdem rote Zahlen auf dem Konto. Ich wüsste nicht, wo man da noch härter hätte arbeiten sollen.

taz: Glauben Sie, Teil des Problems ist, dass die Gespräche meistens von Nicht-Betroffenen geführt werden?

Davoudvandi: Ja, auf jeden Fall. Ich sehe kaum Repräsentation von Menschen, die Armut tatsächlich erleben. Nicht-Betroffenen fehlt das Verständnis für diese Lebensrealität. Wie sollen ohne dieses Verständnis aber grundlegende Veränderungen angestoßen werden? Ein gutes Beispiel davon, wie verzerrt das Bild von Armut ist, ist der Bestseller „Klasse – Die Entstehung von Oben und Unten“ von Hanno Sauer. In einem Beispiel unterteilt er Klassen danach, wer sich Luxusgüter wie Louis-Vuitton-Taschen leisten kann und wer nicht. Dabei reden wir hier von Menschen, die nicht wissen, wie sie sich am nächsten Tag einen Pack Wasser kaufen sollen. Genau so etwas passiert, wenn Betroffene nicht zu Wort kommen.

taz: Wieso kommen Betroffene so selten zu Wort?

Davoudvandi: Das ist strukturell bedingt. Dass der Diskurs zu Armut oft auf der akademischen Ebene von Außenstehenden geführt wird, schließt alle aus, die keinen Zugang dazu haben. Gleichzeitig sind arme Menschen oft extrem stark belastet. Wer permanent am Malochen ist, hat kaum Zeit oder Energie, für politische Kämpfe ein- oder medial aufzutreten. Hinzu kommt die Stigmatisierung. Armsein ist weiterhin scham- und schuldbehaftet. Deswegen verstehe ich, dass viele Menschen ihre Lebenssituation nicht öffentlich diskutieren möchten.

taz: Sie kritisieren die stigmatisierende Darstellung von Armut. Was stört Sie genau?

Davoudvandi: Medien spielen bei der Stigmatisierung eine riesige Rolle. Dabei gibt es verschiedene Narrative: Voyeuristisches Draufhalten, wie schlecht es armen Menschen geht und dass sie nicht ohne die Hilfe von RTL ihre Wohnung einrichten können oder aus den Schulden rauskommen. Genauso voyeuristisch ist das ständige Zeigen von Penny-Markt-Dokus oder „Asi-Familien“. Diese Sendungen haben den Effekt, dass sich die Zuschauer_innen besser fühlen sollen. Nach dem Motto: Uns geht es gar nicht so schlecht und wir sind nicht wie die „Schmarotzer“ aus dem Fernsehen. Niemand möchte arm sein oder als arm wahrgenommen werden. Eine Abgrenzung, die ich auch als Selbstschutzmechanismus verstehe. Auf der anderen Seite werden gerne einzelne Aufstiegsgeschichten erzählt. Dort erscheint es so, als ob Personen nur genug Fleiß haben müssen, um sich selbst aus der Armut zu helfen. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass arme Personen selbst schuld an ihrer Lage sind. Beide Narrative klammern strukturelle Umstände komplett aus.

taz: Wie hängen Scham und Schuld Ihrer Erfahrung nach zusammen, wenn es um Armut geht?

Davoudvandi: Das Schämen beginnt oft schon in der Kindheit. Kinder merken, dass es bei ihren Freund_innen zu Hause anders aussieht, dass diese Markenschuhe statt Discountersneakers tragen und in den Urlaub fahren. Auch ich habe mich in meiner Jugend für die eigenen Verhältnisse geschämt, was wiederum Schuldgefühle gegenüber der Familie hervorruft, die sich abrackert, um den Lebensunterhalt zu sichern. Beim Klassenaufstieg kommt eine neue Form von Schuld dazu. Jetzt merke ich: Wenn ich in Räumen bin, die meinen Eltern nie zugänglich waren, Geld in Restaurants und für Reisen ausgebe, fühle ich mich schuldig. Beides, die Schuld und die Scham, entstehen dadurch, dass strukturelle Ungerechtigkeiten auf Individuen abgewälzt werden. Es wird suggeriert, wir sind selbst an unserer Situation schuld, was wiederum Scham darüber erzeugt, sich nicht selbst helfen zu können.

taz: Wie kann über Armut gesprochen werden, ohne Betroffenen die Handlungsfähigkeit abzusprechen, aber auch ohne in diese Selbstverschuldungsnarrative zu verfallen?

Davoudvandi: Es hilft, mit Betroffenen zu sprechen. Und sich bewusst zu machen: Nur weil jemand arm ist, heißt das nicht, dass diese Person ihre Situation nicht reflektiert. Begriffe wie „bildungsferne Haushalte“ sind irreführend. Viele arme Menschen denken politisch und wissen genau, in welchen Strukturen sie feststecken. Wir brauchen Betroffene, die sprechen, aber auch ein gesellschaftliches Klima, in dem sie dafür nicht stigmatisiert werden. Es sollte nicht darum gehen, wie schlimm die Leute leben oder wie beeindruckend einzelne Aufstiegsgeschichten sind, sondern darum, Realitäten zu verstehen und so strukturelle Veränderungen anzustoßen.

taz: Auf der politischen Ebene gibt es aktuell aber eher Veränderungen hin zu weniger Arbeitnehmerrechten und Kürzungen von Sozialleistungen. Glauben Sie, der Abbau von Armut ist politisch überhaupt gewollt?

Davoudvandi: Nein. Aktuell sind mehr als 13 Millionen Menschen in Deutschland von Armut bedroht. Die Tendenz ist steigend. Es gibt unzählige Ideen und Konzepte, Teile von Armut zu bekämpfen: Kindergrundsicherung, keine Sanktionierung von Menschen, die sich ÖPNV-Tickets nicht leisten können, Mietendeckel, höhere Reichen- und Erbschaftssteuern, Kulturtickets. Stattdessen gibt es gerade Sozialkürzungen, das neue Bürgergeld, Inflation, den Wegfall kostenloser, günstiger dritter Räume. Die aktuelle Bundesregierung bietet rechten Populisten gerade den saftigsten Nährboden.

taz: Sie beobachten in Ihrem Buch, wie unterschiedlich Generationen mit Arbeit und Armut umgehen. Bei Ihren Eltern, die mit der Migration nach Deutschland vom Flugzeugtechniker zum Maler und von der Krankschwester zu Putzfrau geworden sind, beschreiben Sie, wie sehr sie sich über die eigene Nützlichkeit auf dem Arbeitsmarkt definierten. In Ihrer Generation hat sich die Perspektive auf Arbeit verändert: Viele fordern eine neue Arbeitskultur. Wie nehmen Sie das wahr?

Davoudvandi: Ich glaube, meine Generation versteht, dass das Sich-Kaputtarbeiten nichts Ehrenhaftes ist, und fordert ein strukturelles Umdenken. Wir haben aus den Erfahrungen unserer Eltern gelernt, für die Arbeit oft zur Identität geworden ist beziehungsweise dazu gemacht wurde. Wir haben gesehen, dass sich abzuarbeiten nicht automatisch finanzielle Sicherheit oder Aufstieg bedeutet und wollen so nicht weitermachen.

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„Das können wir uns nicht leisten“

Miriam Davoudvandi: „Das können wir uns nicht leisten: Was es bedeutet in Deutschland arm zu sein“. btb Verlag, Hamburg 2026. 256 Seiten, 18 Euro

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taz: Haben Sie innerhalb Ihrer Familie Wege gefunden, über dieses Umdenken zu sprechen?

Davoudvandi: Ich habe es versucht und wir haben sehr viele Gespräche geführt, aber manche Denkweisen und Gewohnheiten sind zu fest verankert. Wir haben über Scham diskutiert und darüber, was ich schreiben darf und was nicht. Ich habe gemerkt: Meine politischen Kämpfe lassen sich nicht unbedingt auf mein Familienleben übertragen. Ich würde meinen Eltern etwa gerne Dinge ermöglichen, die sie sich nie leisten konnten, aber oft wird es nicht angenommen.

taz: Hängt der Unterschied in der Wahrnehmung von Armut auch mit wachsendem Austausch über digitale Medien zusammen?

Davoudvandi: Ja und nein. Je mehr Leute in ähnlichen Situationen sichtbar sind, desto leichter fällt es, darüber zu sprechen. Das trifft auch auf Gespräche zu anderen Diskriminierungsformen wie Rassismus und Sexismus zu, die oft mit Armut zusammenhängen. Rassifizierte Menschen sind zum Beispiel statistisch öfter arm. Auch bislang tabuisierte Themen wie mentale Gesundheit werden heute in den sozialen Medien verhandelt. Das ist wichtig für das Selbstverständnis, denn wer arm ist, dem geht es eher mental schlecht und andersherum. Auf der anderen Seite sind dort aber auch neuer Konservatismus oder das unkritische Feiern von Luxus zu beobachten.

taz: Sie arbeiten auch als Musikjournalistin und beginnen jedes Buchkapitel mit Zitaten aus Rapsongs, etwa von Haftbefehl und Apsilon. Welche Rolle spielen Rap und Popkultur in Ihrer Auseinandersetzung mit Armut?

Davoudvandi: Für mich persönlich war Rap das erste Mal, dass ich meine Erfahrungen mit Armut repräsentiert gesehen habe. Mit seinen Wurzeln in der Schwarzen Community in den USA hat Rap von Anfang an Armut, Rassismus und mentale Gesundheit aus gelebter Erfahrung thematisiert. Das war ausschlaggebend für meine Auseinandersetzung damit. Ich glaube, Musik und andere künstlerische Ausdrucksformen sind oft ehrlicher als politische Debatten und erreichen mehr Leute.

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