
Eine der wichtigsten Forderungen der Schülerbewegung lässt sich mit einem häufig gehörten Slogan zusammenfassen: „Mehr Geld!“ Wenn wegen verwahrloster Schulzimmer, kaputter Heizungen, Toiletten oder Sportmaterial und fehlendem Ersatz für krankgeschriebene Lehrer protestiert wird, antworten die Schulleitungen, dass sie schlicht kein Geld dafür haben. Aber ist Frankreich besonders geizig mit seinen Schülern?
Mehrere Medien, etwa Atlantico und auch Reuters, sind bei ihren Recherchen zu einem erstaunlichen Ergebnis gekommen: Während die Ausgaben pro Grundschüler in Frankreich im OECD-Vergleich im Mittelfeld liegen, gibt Frankreich pro Mittelschüler*in 24 Prozent mehr aus als der Durchschnitt anderer OECD-Länder. Sind also die protestierenden Mittelschüler gegenüber den Jüngeren in Wirklichkeit eher privilegiert?
Ein Grund der höheren Auslagen für die Mittelschulen in Frankreich sieht Atlantico im besonders breiten Angebot von Wahlfächern und Berufsmittelschulen, welche die Jugendlichen für Tätigkeiten in diversen Wirtschaftszweigen vorbereiten sollen. Trotzdem aber liegt die Jugendarbeitslosigkeit in Frankreich mit mehr als 20 Prozent der Altersgruppe von 15 bis 24 Jahren weit über dem OECD-Schnitt von 11 Prozent. Und in der Pisa-Studie ist Frankreich in diesem Jahr auf Rang 27 gelandet.
Dabei ist das nationale Erziehungswesen mit rund 90 Milliarden Euro der erste Posten im Staatshaushalt. Doch wozu dienen diese Mittel? Mehr als ein Viertel, jährlich 25 Milliarden, dienen der Finanzierung der Altersrenten der Beamten, da der Staat 82 Prozent der Beiträge in die Kasse der Altersvorsorge seiner Lehrer*innen übernimmt.
Schlecht bezahlte Lehrer
Vom Rest verschlingen die Gehälter der Lehrer*innen rund 70 Prozent. Trotzdem sind diese Beamten des öffentlichen Erziehungssystems vergleichsweise schlecht bezahlt. Zu Spannungen kommt es im weltlichen Frankreich auch regelmäßig, weil die Republik laut Vertrag jährlich 8 bis 9 Milliarden für das Personal der (meist religiösen) Privatschulen abzweigen muss. Dass die Regierung in der Diskussion um den Staatshaushalt 2027 trotz einer Inflation von derzeit 3,4 Prozent allen Beamten den Teuerungsausgleich verweigern will, betrachten diese als „Kriegserklärung“.
Was an Geld für die Verbesserung der Unterrichtsbedingungen der Jugendlichen im öffentlichen Erziehungssystem übrig bleibt, wird offenbar sehr ungleich ausgegeben. Darunter leidet die Chancengleichheit. In einem Lycée im Zentrum von Paris sind die Voraussetzungen ungleich besser als für ihre Gleichaltrigen in der Banlieue. Fehlende Lehrkräfte werden weniger schnell durch Vertretungen ersetzt. In die Lycées in den Außenquartieren werden zudem systematisch die neuen Lehrer*innen ohne Unterrichtserfahrung geschickt, während die Dienstälteren sich ihre Wirkungsstätte eher aussuchen können.
Die Ursache der Probleme ist auch in einer auf halbem Weg gestoppten Dezentralisierung zu suchen. Denn offiziell gehören die Lycées den Regionen (von der Größe her vergleichbar mit deutschen Bundesländern). Die Behörden der Regionen sind auch für Unterhalt und Renovierungen zuständig. Doch eine effiziente Koordination zwischen dem Zentralstaat und den Regionen fehlt. Und im Etat der Behörden der Regionen, die je nach politischer Couleur unterschiedliche Prioritäten setzen, fehlen zusehends die finanziellen Mittel für Aufgaben, die ihnen der Zentralstaat abgetreten hat, ohne dies finanziell zu kompensieren.






