Schwere Luftangriffe auf Kyjiw: „Wir dachten, wir überleben die Nacht nicht“

Nach einem heftigen Drohnen- und Raketenangriff in der Nacht zu Dienstag kommt Kyjiw erst langsam wieder zu sich. Konditorin Olena Stolbon war schon beim ersten Luftalarm in der Nacht mit ihren Kindern in den Schutzraum ihres Hauses gerannt. Gerade noch rechtzeitig, denn kurz darauf schlug eine ballistische Rakete ein. Die Leichen ihrer Nachbarn liegen am Dienstagmorgen noch immer unter Rettungsdecken im Hauseingang.

„Achtung, es fliegen Zirkone auf uns zu“, schreit jetzt eine Mitarbeiterin des Katastrophenschutzes. Sie meint die gleichnamige Hyperschallrakete, eine der modernsten Waffen, über die Russland derzeit verfügt. „Wir haben Angst, dass es noch einen Angriff auf den gleichen Ort gibt. So eine Doppelschlagtaktik nutzen die Russen häufig“, sagt Olena, während sie jetzt zum zweiten Mal in den Schutzraum im Keller läuft.

Der ganze Kellerfußboden ist mit Verbandsmaterial, Blut und Kleidungsstücken bedeckt. „Gegen halb vier nachts gab es eine Explosion. Und plötzlich kamen Verletzte mit blutüberströmten Kindern in den Keller“, erzählt Olena. „Erst nach einer Stunde kam ein Rettungswagen. Deshalb leisteten die Menschen selber Erste Hilfe. Einer Frau war ein Bein abgerissen worden. Ihr Dreijähriger hatte eine Verletzung am Arm, jemand hat ihn verbunden. Und ich habe den zweiten Sohn beruhigt, den Vierjährigen. Er hatte zum Glück nur Blutergüsse. Aber ein anderer Junge war schwer verletzt.“ Während Olena erzählt, zittern ihre Hände.

Julia Surkowa

berichtet seit über zehn Jahren für westliche Medien über die Ereignisse an der Front in der Ukraine und humanitäre Fragen im Kriegskontext. Sie ist spezialisiert auf Vor-Ort-Reportagen und Geschichten über Kinder, die unter den Folgen der Kampfhandlungen leiden.

Angriff in Wellen

Nach Angaben des staatlichen Katastrophenschutzdienstes in Kyjiw wurden bei dem Angriff am 2. Juni im Stadtgebiet 30 Orte getroffen. Dabei wurden 66 Menschen verletzt, 6 kamen ums Leben, weitere 32 Menschen konnten aus den Trümmern und den brennenden Gebäuden gerettet werden.

„Es war ein kombinierter Angriff mit Shahed-Drohnen, ballistischen und Hyperschallraketen. Und er kam in mehreren Wellen. Das heißt, nach dem ersten Angriff gab es Entwarnung, die Leute gingen zum Schlafen in ihre Wohnungen zurück, und dann kam eine weitere Attacke“, sagt Pawlo Petrow, Pressesprecher des Katastrophenschutzes. „Man kann nicht sagen, dass sie nur auf die Energieversorgung oder auf strategische Objekte gerichtet war. Sie haben einfach versucht, so viele Orte wie möglich zu treffen“, so Petrow.

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Krieg in der Ukraine

Mit dem Einmarsch im 24. Februar 2022 begann der groß angelegte russische Angriffskrieg auf die Ukraine. Bereits im März 2014 erfolgte die Annexion der Krim, kurz darauf entbrannte der Konflikt in den ostukrainischen Gebieten.

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Von Dutzenden Autos in der Umgebung stehen nur noch verkohlte Reste, daneben entwurzelte Kastanien- und Lindenbäume. Auf dem Asphalt sind Blutflecken zu sehen, daneben liegen Kinderschuhe.

Kyjiws Bürgermeister Vitali Klitschko teilte am Vormittag auf seinen Social-Media-Kanälen mit, dass immer noch neue Angaben zu Verletzten aus den Krankenhäusern kämen. „In der ganzen Stadt wurden Wohnhäuser, Tankstellen und medizinische Einrichtungen beschädigt“, so Klitschko.

„Präsident Selenskyj hatte uns vorgewarnt“

Wiktorikja Stepanets war schon am Abend mit ihrer 13-jährigen Tochter Walerija zum Schlafen in einen Schutzraum gegangen. „Schon seit einer Woche wurde vor diesem Angriff gewarnt, gestern hat auch Präsident Selenskyj darüber gesprochen. Wir hatten Angst“, sagt die 38-Jährige und umarmt ihre noch immer zitternde Tochter. Während der Angriffe hatte Walerija einen Panikanfall.

Und tatsächlich, am 1. Juni hatte Präsident Selenskyj in seiner Videobotschaft gesagt: „Die Warnungen der Geheimdienste vor russischen Angriffen bleiben bestehen. Ein massiver Angriff ist möglich, sie haben ihn möglicherweise vorbereitet. Unsere Luftverteidigung ist rund um die Uhr so gut wie möglich vorbereitet.“

Wegen dieser Warnungen hatten zahlreiche Kyjiwer die Nacht in der Metro und in Schutzräumen verbracht. Mitarbeitende der Notfallbehörde meinen, die Zahl der Toten sei deshalb, im Vergleich zu denen nach Angriffen im Winter, verhältnismäßig niedrig.

„Wir dachten, dass wir diese Nacht nicht überleben. Im Schutzraum waren viele alte Menschen und Kinder. Es war so wenig Platz, dass niemand sich hinlegen konnte. Alle blieben sitzen, damit der Platz überhaupt reichte“, sagt Wiktorija. Und ergänzt: „Meine Tochter hatte furchtbare Angst, als unser Haus getroffen wurden. Die Explosion hat die Tür zum Schutzraum herausgerissen, und wir wurden mit Staub überschüttet. Es war die schlimmste Nacht unseres Lebens.“

Aus dem Russischen Gaby Coldewey

  • informationsspiegel

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