Sea-Watch-Kapitän über Ermittlungen: „Sie interessierten sich für mich, nicht für die Schüsse“

taz: Herr van Dam, am 15. Mai fährt das Seenotrettungsschiff Sea-Watch 5 mit 166 Geretteten an Bord den Hafen von Brindisi in Süditalien an. Kurz zuvor war die Crew von der libyschen Küstenwache beschossen worden. Was ist damals im Hafen passiert?

Anne van Dam: Zunächst wirkte alles normal. Nach der Ausschiffung kamen etwa 20 Leute an Bord: Küstenwache, Polizei, andere Behörden. Sie wollten Logbücher und Zertifikate sehen, das gehört zum Standardprozedere. Irgendwann hieß es plötzlich, ich dürfe für die Befragung eine Anwältin hinzuziehen. Da wurde mir klar, dass etwas nicht stimmt. Sie kamen mit Durchsuchungsbeschlüssen, beschlagnahmten mehrere Logbücher und sicherten Daten an Bord. Ich durfte die Brücke stundenlang nicht verlassen. Erst nach Mitternacht erklärten sie mir offiziell, dass gegen mich ermittelt wird.

Im Interview: Anne van Dam

ist Seemann aus den Niederlanden. Seit sechs Jahren arbeitet er für Sea-Watch, zuerst als Ingenieur, dann als Mat. Die letzte Mission war seine erste als Kapitän für die NGO.

taz: Was genau wird Ihnen vorgeworfen?

Van Dam: Beihilfe zur illegalen Einreise in erschwerter Form. Darauf stehen bis zu 20 Jahre Haft und Geldstrafen, die ich niemals bezahlen könnte. Solche Ermittlungen gab es schon lange nicht mehr, zuletzt etwa gegen Sea-Watch-Kapitänin Carola Rackete 2019 oder die „Iuventa“-Crew 2018.

taz: Wie haben Sie den Moment erlebt, als man Ihnen sagte, dass gegen Sie ermittelt wird?

van Dam: Ich war völlig schockiert. Bis dahin war ich relativ zuversichtlich. Wir hatten zuvor ja die Schüsse auf unser Schiff gemeldet. Als die Beamten an Bord gingen, dachte ich, sie kämen, um den Vorfall zu untersuchen und uns zu unterstützen. Aber dafür interessierte sich praktisch niemand. Stattdessen wurde ich selbst beschuldigt. Ich meine, unsere Erwartungen waren nicht besonders hoch, aber dass sie so enttäuscht würden, hatte ich nicht gedacht. Das macht mich wirklich wütend. Die EU muss aufhören, die libysche Küstenwache zu finanzieren und ihnen Schiffe zu geben.

taz: Können Sie sich erklären, warum Italien gerade jetzt zu solchen Mitteln greift?

van Dam: Ich bin Seemann und kein politischer Analyst. Für mich ist das ein weiterer Versuch, zivile Seenotrettung zu behindern. Solche Verfahren sollen uns und andere davon abhalten, unsere Arbeit überhaupt noch zu machen. Wer überlegt, auf einem Rettungsschiff anzuheuern, soll sehen, welches persönliche Risiko damit verbunden ist. Wir haben zuletzt erlebt, dass solche Maßnahmen vor Gericht keinen Bestand hatten und uns recht gegeben wurde. Mit unserem Netzwerk Justice Fleet versuchen wir das öffentlich zu machen.

taz: Der UNHCR berichtet von weltweit leicht sinkenden Fluchtzahlen, zugleich sterben 2026 wieder deutlich mehr Menschen im Mittelmeer. Erleben Sie das auch in Ihrer Arbeit?

van Dam: Ja, 2026 ist das tödlichste Jahr seit 2014. Das liegt auch daran, dass durch die italienischen Piantedosi-Gesetze unsere Schiffe regelmäßig für längere Zeiträume festgesetzt und nach Rettungen in weit entfernte Häfen geschickt werden. Dadurch verlieren wir wertvolle Zeit. Besonders besorgniserregend sind Italiens aktuelle Gesetzesvorhaben, zivilen Rettungsschiffen die Einfahrt künftig ganz zu verbieten.

taz: Am Freitag tritt die Reform des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems (Geas) in Kraft. Künftig könnten Gerettete über beschleunigte Grenzverfahren in sogenannte Return-Hubs außerhalb der EU gelangen. Was würde das für Sea-Watch bedeuten?

van Dam: Zunächst einmal bedrückt mich diese Vorstellung wirklich. Aber unsere Aufgabe auf See bleibt die gleiche: Menschen aus Seenot zu retten. Daran ändert auch die Reform nichts. Aber wenn Menschen nach ihrer Rettung mit solchen Perspektiven konfrontiert sind, dann wird das Einfluss darauf haben, wie wir sie an Bord unserer Schiffe informieren. Gleichzeitig erwarte ich, dass Organisationen wie Sea-Watch auch politisch und juristisch gegen solche Entwicklungen vorgehen. Auf dem Schiff selbst sind unsere Möglichkeiten begrenzt.

taz: Wie geht es für Sie jetzt weiter?

van Dam: Das weiß im Moment niemand. Wir versuchen gerade zu verstehen, welche Strategie dieses Verfahren erfordert. So was kann sich über Jahre hinziehen. Sea-Watch ist mithilfe der vielen Spenden zum Glück in der Lage, mich umfassend juristisch zu unterstützen. Leider bedeuten die Ermittlungen wohl das vorläufige Ende meiner Karriere in der zivilen Seenotrettung. Dazu hat mich niemand gezwungen, nur muss ich mich erst mal um das Verfahren kümmern und glaube, es ist nicht schlau, unter diesen Umständen weiterzumachen.

taz: Ist das dann ein Sieg für die italienische Regierung?

van Dam: Nein, so sehe ich das nicht. Sie stellen mich vorübergehend kalt. Aber ich wurde sofort ersetzt. Die Arbeit geht trotzdem weiter.

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