Shelly Kittleson: Journalistin in Irak entführt

Shelly Kittleson hatte Sicherheitstrainings gemacht, war gut vernetzt mit lokalen Quellen, kannte sich in gefährlichen Gebieten aus. Sie hat unter Bombenbeschuss aus Syrien berichtet und jahrelang in Bagdad gelebt. All das half ihr nicht, als sie am Dienstag von zwei Männern auf der Saadoun-Straße im Zentrum von Bagdad in ein Auto gezerrt wurde. Angehörige einer proiranischen Miliz in Irak sollen sie entführt haben.

Kittleson arbeitet seit fast zwei Jahrzehnten als Reporterin in der Region und berichtet ausführlich vor allem aus Syrien und Irak. Die italienisch-amerikanische Journalistin schrieb für internationale Medien, vor allem für das renommierte arabisch-amerikanische Online-Nachrichtenportal Al-Monitor.

Die 49-Jährige ist Tochter einer armen Familie aus dem US-Bundesstaat Wisconsin. Mit 19 verließ sie die USA, zog nach Italien, putzte Häuser, unterrichtete Englisch. Zum Journalismus kam sie, weil ihre Großmutter das Magazin National Geographic gesammelt hatte, welches sie gerne las. „Es war im Grunde der Wunsch, Geschichte in irgendeiner Form zu dokumentieren, und Krieg bestimmt nun mal den Lauf der Geschichte, also wollte ich daran teilhaben“, schrieb sie später über diese Zeit.

Sie reiste nach Afghanistan, fuhr nach Taschkent: „Ich war allein auf dem Landweg gekommen, eine Amerikanerin, die hartnäckig den Rat der Experten ignorierte, der Sicherheit Priorität einzuräumen und die Reise gar nicht erst zu wagen.“

Shelly Kittleson

Foto: Uncredited/ap

„Man versucht, was man kann“

Sie begann ihre journalistische Karriere, schrieb Reportagen aus Kabul. 2012 reiste sie erstmals nach Syrien unter Assad. In den Folgejahren traf sie Familien in der von der Opposition kontrollierten Hauptstadt Aleppo, einen syrischen Rebellenkommandanten in der Südtürkei. Nach dem Machtwechsel in Syrien interviewte sie den neuen Verteidigungsminister.

Weil sie Risiken einging, konnte sie von Orten berichten, die für eine Reporterin gefährlich sein können. „Man versucht eben, was man kann, aber die Arbeit ist ja schließlich auch wichtig“, sagte Kittleson 2018. „Was die Risikobewertung und so weiter angeht, denke ich natürlich, dass ich meine Instinkte sehr gut entwickelt habe, was sehr, sehr hilfreich ist.“ Sie erzählte, dass sie immer ein Erste-Hilfe-Set dabei habe, Trainings für Einsätze in Krisengebieten absolviert hatte.

„Eine großartige Journalistin, der die Region sehr am Herzen liegt“, meinte Syrienexperte Charles Lister. „Shelly ist einer der liebenswertesten Menschen überhaupt“, schreibt ihr Freund und Notfallkontakt Alex Plitsas, ein nationaler Sicherheitsanalyst von CNN. Sie sei in Irak gründlich überprüft worden, auch die Dachorganisation aus überwiegend schiitischen Milizen in Irak (PMF) wüsste, dass sie Zivilistin ist.

Erinnerungen an einen Fall aus 2025

Das irakische Innenministerium teilte mit, Sicherheitskräfte hätten die Verfolgung der Entführer aufgenommen und ihr Auto, das beim Fluchtversuch südwestlich von Bagdad umkippte, beschlagnahmt und einen Verdächtigten festgenommen. Der US-Staatssekretär Dylan Johnson schrieb auf X, der Verdächtige sei Mitglied der proiranischen Miliz Kata’ib Hisbollah. Die Journalistin soll in ein anderes Fahrzeug gezwungen worden sein, das mit mindestens einem Entführer entkam. Kittleson wird noch immer festgehalten.

Der Fall erinnert an Elizabeth Tsurkov, russisch-israelische Doktorandin der US-amerikanischen Universität Princeton. Sie wurde 2023 in Bagdad entführt. Die Trump-Administration ermöglichte, dass sie im September 2025 freikam. Auch sie gab an, von Kata’ib Hisbollah festgehalten worden zu sein.

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