taz: Herr Baum, die AfD nutzt das Kult-Moped schon seit ein paar Jahren für sich – fordert beispielsweise „Simson statt Lastenrad“. Nun haben Sie sich zum ersten Mal geäußert und gesagt, Sie empfänden jegliche Verbindung mit der AfD als abstoßend und als eine Beleidigung des Namens Ihrer Familie. Warum erst jetzt?
Dennis Baum: Mir haben Freunde aus Deutschland davon erzählt. Sie haben Videos geschickt, auf denen Menschen T-Shirts tragen, auf denen steht: „AfD und Simson“ und „Höcke und Simson“. Das Gleiche mit Bannern, Plakaten und Fahnen. Das hat mich wirklich schockiert. Ich lehne extremistische Ideologien entschieden ab und akzeptiere nicht, dass die AfD sich unseren Namen aneignet. Ironischerweise eine antisemitische Partei.
taz: Was erhoffen Sie sich von Ihrem Protest?
Baum: Ich halte es für wichtig, dass wir auf jüngere Leute in der AfD zugehen, damit sie verstehen, woher wir kommen. Wir sind stolz auf unseren Namen. Und dazu gehört ganz sicher nicht Antisemitismus, Einwanderungsfeindlichkeit oder jüdische Erinnerungskultur abzulehnen – wie das zum Beispiel Höcke tut.
taz: Der rechtsextreme Thüringer AfD-Landeschef Björn Höcke lässt sich gern auf der Simson ablichten. Er entgegnete auf Ihre Kritik: „Die Nutzung von Alltagsobjekten als ‘Vereinnahmung’ zu deuten, ersetzt Argumente durch Symbolhysterie.“ Was entgegnen Sie?
Baum: Die Antwort von Höcke verdient keine ernsthafte Beachtung. Auf beiden Seiten des Ozeans gibt es immer mehr Lügen, die Politiker verbreiten. Das ist absoluter Müll.
taz: Die Motorräder haben in weiten Teilen Ostdeutschlands Kultstatus. Die AfD wollte die Simson im sächsischen Landtag sogar zum immateriellen Kulturerbe erklären lassen. Das hat der Landtag abgelehnt. Wie finden Sie den Vorschlag?
Baum: Nostalgie ist erstmal nichts Schlechtes. Ich habe kein Problem damit. Es ist irgendwie bizarr, was mit diesem Motorrad passiert ist, dass es so berühmt geworden ist. Es ist fast schon eine Art Ehre. Aber man sollte den Namen Simson aus der Politik heraushalten, insbesondere aus rechtsextremer Politik.
taz: Sie haben eine bewegte Familiengeschichte: 1856 gründete ihre Familie im thüringischen Suhl Simson & Co, eine Waffenfabrik. Nach der Machtübernahme enteigneten die Nazis Ihre Familie. Sie floh 1936 in die USA und hat sich dort ein neues Leben aufgebaut. Wie wurde nach der Flucht über die Firma und die Vergangenheit gesprochen?
Baum: Vor dem Fall der Mauer 1989 wusste ich, dass es die Simson Werke gab und was sie hergestellt hatten. Aber ich wusste nicht viel über die Details.
taz: In der DDR produzierte das Werk unter anderem Mopeds – ein Verkaufsschlager. 1991 übernahm die Treuhand. Ihre Familie hat mehrmals versucht, die Firma zurückzukaufen, auch Sie. Erfolglos. Die Rechte am Namen Simson blieben bei der Treuhand und dem Nachfolger GESA. Was hat sich dann verändert?
Baum: Als die Mauer fiel, wurde es fast zu einer Obsession: Wir mussten nach Deutschland zurückgehen und mit der Treuhand verhandeln. Wir konnten einen großen Teil unseres Besitzes zurückbekommen. Wir hatten Fabriken, Häuser und sogar Kleingärten – nur nicht das Werk. Ich dachte, damit ist alles erledigt. Und so endet die Geschichte von Simson. Aber dann kamen diese Videos von Höcke.
taz: Der ältere Teil Ihrer Familie war nach der Flucht nie mehr in Deutschland. Sie sind der Großneffe des letzten Eigentümers. Im Jahr 2000 waren Sie in Deutschland. Wie war das?
Baum: Ich war sogar sehr, sehr oft in Deutschland – auch geschäftlich. Ich habe mich in Deutschland immer wohlgefühlt. Ich habe deutsche Eltern. Sie haben sich in den USA kennengelernt, ich wurde 1944 geboren. Ich bin bis zu einem gewissen Grad wie ein deutsches Kind aufgewachsen. Irgendwann wurde meine Großmutter schwerhörig – sie konnte Deutsch besser verstehen als Englisch. Also habe ich Deutsch gelernt und mich meistens auf Deutsch mit ihr unterhalten.
taz: Sind Sie selbst mal eine Simson gefahren?
Baum: Nein. (lacht)
taz: Aber Sie haben einen ganzen Simson-Raum zu Hause.
Baum: Der Simson-Raum ist für all unsere Erinnerungen. Ich finde es wichtig, seine Wurzeln zu kennen und sie für die nächste Generation zu bewahren. Und ich bin sehr stolz, wenn ich jemanden zeigen kann, was die Simsons geleistet haben.
taz: Was ist in dem Raum?
Baum: Dort stehen alte Ölgemälde und Fotos der Familie. Ich habe Kataloge aus den alten Simson-Fabriken und Bücher über Simson. Es hängt auch ein Brief an der Wand. Den schrieb der örtliche Gauleiter kurz vor Weihnachten an Hitler und teilte ihm mit, dass er das Simson-Vermögen erworben hat. Und dass er die Firma in Deutschland zugunsten Hitlers einbringen würde.






