Spielwagen-Ausstellung in Berlin: Die Kinder bauen lassen

„Wir und die Kinder waren beim Spielen Partner, das war die neue Qualität“, erinnert sich Jens-Holger „Nilson“ Kirchner. „Es ging um die Verbindung von Spielen, Lernen und Leben.“ Das spannende Interview mit dem inzwischen verstorbenen „Spielwagen Berlin 1“-Protagonisten kann man momentan bei after the butcher nachlesen, einem Lichtenberger Ausstellungsraum „für zeitgenössische Kunst und soziale Fragen“.

Fotos mit lehmbeschmierten, bauwütigen Kindern hängen dort in der Ausstellung „Spielwagen Berlin 1 – Das Spiel wagen in Ost-Berlin“. Gewidmet einer Ostberliner Bewegung, die sich von unten konstituierte und über das Spiel in die damalige Gesellschaft hinein wirken wollte. Konkret ging es darum, den öffentlichen Raum zu bespielen. So organisierte „Spielwagen Berlin 1“ 1985 fünf LKWs mit Lehm fürs Neubaugebiet Marzahn.

Ausgekippt wurde er in der Umgebung der Plattenbauten und verwandelte diese für ein Wochenende in ein riesiges Experimentierfeld, in dem bautechnisch nichts vorgegeben war. Kirchner erinnert sich: „Spielwagen war eine bequeme Nische. Wir hatten solche (Volkskunstkollektiv-)Pappen und konnten dafür Aktionen machen, die eigentlich Gegenentwürfe waren, und hatten dafür auch ein gewisses Budget.“

Das 1979 gegründete „Kollektiv Spielwagen Berlin“ hatte sich 1985 in zwei Gruppen aufgespalten. „Spielwagen Berlin 1“ übernahm den roten Möbelwagen und verortete sich im Umfeld vom Kollwitzplatz. Der Historiker Florian Manthey, der zusammen mit der Kulturwissenschaftlerin Virág Bogyó die Ausstellung kuratiert hat, steht mit mir vor einem Foto, das eine Szene in der Spielstadt am Kollwitzplatz im Frühsommer 1989 zeigt. Da stand das Volkskunstkollektiv „Spielwagen Berlin 1“, so die offizielle Bezeichnung, kurz davor verboten zu werden.

Die Spielwagen-Gruppen der DDR

Fix hatte man Protestplakate gedruckt und konnte dann doch die geplante Spielstadt aufbauen zum zehnjährigen Jubiläum der Spielwagen-Gruppen in der DDR. Kurz nach der Offenlegung der gefälschten Kommunalwahlen im Mai 1989 wurden im Spiel demokratische Wahlen zum Kinderbürgermeister durchgeführt und es wurde mit einer Littfaßsäule Öffentlichkeit hergestellt. Die Kinder skandierten lautstark: „Nieder mit der Regierung“, weil der Spielstadt-Bürgermeister die Steuern erhöhen wollte und die Stasi zusah.

„Die Spielwagen-Leute waren Meister im Spagat zwischen Nähe und Distanz zu öffentlichen Institutionen“, sagt Manthey. Er hat auch im Stasi-Unterlagen-Archiv zum Umkreis von „Spielwagen Berlin 1“ recherchiert und ist auf keinen IM gestoßen. Im Rahmen der vom FDGB veranstalteten Arbeiterfestspiele im Juni 1986 in Stendal errichteten die Spielwagen-Kollektive mit den Kindern eine temporäre Kinderstadt und nannten sie „Stendobil“. Die lokale Staatsmacht erkannte den unverkennbaren Verweis auf die Reaktorkatastrophe in Tschernobyl und erzwang eine Umbenennung der Spielstadt.

In den Räumen von after the butcher kann man unzählige Fotos von entspannten, wilden Kindern betrachten, sich ins Spielwagen-Netzwerk vertiefen, das bis nach München zum Spielwagen-Papst Wolfgang Zacharias reichte. Und staunen, was alles zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung diskutiert, ausprobiert und von den „Spielwagen Berlin 1“-MacherInnen in die Wege geleitet wurde. So war der alte von Zacharias organisierte Kopierer Geburtshelfer der Kinderzeitung, die in der Ausstellung aushängt.

Spielwagen Berlin 1 – Das Spiel wagen in Ost-Berlin

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„Spielwagen Berlin 1“ transformierte sich in den frühen 1990ern zur Initiative Netzwerk Spiel/Kultur Prenzlauer Berg e.V., deren Kreativität sichtbar in dieser Stadt steckt, etwa im Abenteuerspielplatz Kolli 37. Im Logo steckt immer noch dasselbe Strichmännchen wie vor vierzig Jahren: mit gespreizten Beinen und einem Querstrich dazwischen. Ein großes A. A wie aktiv, Aktion. Und wie Anarchie.

  • informationsspiegel

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