Sportgeschichte: Afrikas vergessener Boykott

Die WM 1966 in England ist in Deutschland vor allem wegen des Wembley-Tors in Erinnerung. Aber das Turnier ist noch aus anderen Gründen prägend für die jüngere Geschichte. 1966 markiert einen Startpunkt für die Globalisierung des Fußballs, denn nach Jahrzehnten der Ausgrenzung rücken auch die afrikanischen Nationen allmählich ins Zentrum. An diesem Donnerstag jährt sich das Finale von 1966, das England gegen die Bundesrepublik gewann, zum sechzigsten Mal. Höchste Zeit also, um an die Zäsur von 1966 zu erinnern.

Bei den ersten sieben Weltmeisterschaften, zwischen 1930 und 1962, war nur einmal eine Mannschaft aus Afrika dabei: 1934 Ägypten. Es sind Jahrzehnte, in denen die Kolonialmächte ihren Machtverlust noch nicht wahrhaben wollen. Das gilt auch für den Fußball.

Seit 1961 ist Stanley Rous der sechste Präsident in der Geschichte der Fifa. Ein Lehrer aus Großbritannien, der sich dem Empire verpflichtet fühlt. Rous verharmlost die Apartheid in Südafrika. Die Fifa hat den Fußballverband der weißen herrschenden Minderheit bereits suspendiert, aber Rous sträubt sich, den oppositionellen Verband zu unterstützen. Seine Vorstellungskraft lässt es offenbar nicht zu, dass Schwarze Menschen sein geliebtes Spiel organisieren können.

&#xE80F

Vor allem Ghana und Äthiopien fordern einen eigenen WM-Startplatz für Afrika. Doch die Fifa lehnt ab.

1966 zählt die Fifa 130 Mitgliedsverbände. Aber von den 16 Teilnehmerplätzen sind 10 für Europa und 4 für Südamerika vorgesehen, zudem ein Platz für Zentralamerika. Die drei anderen Kontinente, Afrika, Asien und Ozeanien, sollen sich einen WM-Platz teilen. Und diesen vorab untereinander ausspielen.

Fußball und die nationale Unabhängigkeit

In Afrika regt sich Widerstand. Allein 1960 haben 17 afrikanische Nationen ihre Unabhängigkeit erlangt. Auf dem Weg zur Dekolonisierung hat auch der Fußball eine beachtliche Rolle gespielt. Unabhängigkeit ist auch für den afrikanischen Fußballverband CAF das wichtigste Stichwort. Der 1957 gegründete Verband will nur Nationalverbände aus souveränen Staaten aufnehmen. Die CAF-Funktionäre stammen aus politischen Bewegungen. Die Regeln des Fußballs sind für sie anfangs noch zweitrangig.

Der Aufbau von staatlichen Strukturen und Fußball-Nationalmannschaften verläuft parallel. 1957 findet in Sudan der erste Afrika-Cup mit drei Teilnehmern statt, Ägypten, Äthiopien und Sudan. Die südafrikanische Mannschaft wird vorab ausgeschlossen, weil ihr Verband keine Schwarzen Spieler entsenden will.

Ebenfalls 1957: Als erste Kolonie südlich der Sahara erlangt Ghana die Unabhängigkeit. Präsident Kwame Nkrumah sieht im Fußball ein Symbol für den Panafrikanismus. Seine Regierung investiert in die ghanaische Nationalmannschaft, die dann 1963 und 1965 den Afrika-Cup gewinnt. Das Selbstbewusstsein wächst – und das hat auch Folgen für die WM 1966.

Es sind vor allem die Regierungen in Ghana und Äthiopien, die für die WM in England einen eigenen Startplatz für Afrika fordern. Doch die Fifa unter Stanley Rous lehnt ab. Die afrikanischen Verbände, die sich für die Qualifikation angemeldet haben, vernetzen sich. Ihr Entschluss: ein Boykott der WM.

Der Boykott zeigt Wirkung

Die großen europäischen Verbände wie der DFB stehen an der Seite der Fifa. In den britischen und deutschen Medien ist der afrikanische Boykott nur eine Randnotiz. Stattdessen blicken sie – auch mit rassistischen Anspielungen – auf den portugiesischen Stürmer Eusébio, der mit 9 Treffern Torschützenkönig der WM werden wird. Eusébio und drei seiner Mitspieler waren in Portugiesisch-Ostafrika aufgewachsen, im heutigen Mosambik.

Dennoch: Der afrikanische WM-Boykott 1966 zeigt Wirkung. Afrika erhält einen festen Startplatz. 1970 ist Marokko bei der WM dabei, vier Jahre später Zaire, die heutige Demokratische Republik Kongo. Doch die Folgen des Boykotts gehen tiefer.

Anfang der 70er Jahre bringt sich bei der Fifa der brasilianische Funktionär João Havelange in Stellung. Er wendet sich an die kleinen Nationen in Afrika und Asien. Und er verspricht einen demokratischeren Weltfußballverband: mit Jugendturnieren, Trainerseminaren und neuen Sportplätzen fernab der europäischen Kernmärkte.

1974 wird João Havelange zum ersten nichteuropäischen Präsidenten der Fifa gewählt. Seine Macht sichert er sich mit den Stimmen aus Afrika und Asien. Ein Verband, eine Stimme: Eine Strategie, die seine Nachfolger Sepp Blatter und Gianni Infantino weiterentwickeln und perfektionieren. Doch diese Seilschaften begünstigen auch Machtmissbrauch und Korruption.

Die großen europäischen Verbände wie der DFB und die englische FA müssen gerade jetzt, nach Infantinos Skandalen rund um die WM 2026, abermals einsehen, dass sie allein bei der Fifa keine Reformen anstoßen können. Infantino hat seine Hausmacht in Afrika. Die Perspektive, die Teilnehmerzahl bei der WM 2030 von 48 auf 64 Teams zu erhören, mag in Europa wenig Anklang findet. In Afrika wären etliche Verbände begeistert.

  • informationsspiegel

    Related Posts

    Waldbrände in Frankreich und Spanien: Hitzewelle naht – Feuer bei Bordeaux bleibt Herausforderung
    • July 28, 2026

    Die Brände bei Bordeaux bedrohen nicht nur Wälder, sondern auch das Tourismusgeschäft. Ein erstes Brandgebiet bringt die Feuerwehr jetzt unter Kontrolle. mehr…

    Weiterlesen
    Wahlprogramm der US-Demokraten: Für ein gutes und bezahlbares Leben
    • July 28, 2026

    Die Demokraten setzen vor den Midterms vor allem auf Wirtschaftsthemen. Der Kampf um die Sitze im Repräsentantenhaus wird eng, aber es könnte klappen. mehr…

    Weiterlesen

    Nicht verpassen

    Waldbrände in Frankreich und Spanien: Hitzewelle naht – Feuer bei Bordeaux bleibt Herausforderung

    • 1 views
    Waldbrände in Frankreich und Spanien: Hitzewelle naht – Feuer bei Bordeaux bleibt Herausforderung

    Sportgeschichte: Afrikas vergessener Boykott

    • 5 views
    Sportgeschichte: Afrikas vergessener Boykott

    Wahlprogramm der US-Demokraten: Für ein gutes und bezahlbares Leben

    • 2 views
    Wahlprogramm der US-Demokraten: Für ein gutes und bezahlbares Leben

    Trump ruft Supreme Court an: Ich mach mir das Wahlrecht, wie es mir gefällt

    • 2 views
    Trump ruft Supreme Court an: Ich mach mir das Wahlrecht, wie es mir gefällt

    Nach dem CSD-Anschlag ins Café Keese: Als sei die Welt noch in Ordnung

    • 1 views
    Nach dem CSD-Anschlag ins Café Keese: Als sei die Welt noch in Ordnung

    Krise der Autoindustrie: VW-Töchter tüfteln Sparpläne aus

    • 2 views
    Krise der Autoindustrie: VW-Töchter tüfteln Sparpläne aus