starke gefühle: Testosteron und PS

Mit 200 Stundenkilometern über die Autobahn, und dann abheben und fliegen, fliegen – bis zum Crash.

Mit 170 Stundenkilometern über den Ku’damm, Wettrennen. Kollateralschäden inbegriffen. Sieger ist, wer als Erster am Ziel ist. Unbeteiligte zahlen mitunter mit dem Leben.

Für mehr Gänsehaut gibt es auf Youtube Dashcam-Clips. Hautnah ist die Raserei da mitzuerleben. Die Selbstüberschätzung beim Spurwechseln, beim Überholen, beim Gas geben. Hauptsache es knallt. Im Kopf. Und in der Karosserie.

„Man denkt keine Sekunde an die Zukunft, denkt nicht daran, ob man gegen einen Baum fährt, ob da ein Mensch kommt“, sagt ein anonymer Raser in einer Doku über illegale Autorennen.

wochentaz

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Im Jahr 2022 gab es laut Kraftfahrt­bundesamt 1.845 gesicherte Fälle von Wettrennen auf deutschen Straßen. Die Verdachtsfallquote ist viermal so hoch.

Die Raser seien vor allem junge Männer, sagt der Mobilitätsforscher Andreas Knie. Er hat einen radikalen Vorschlag gemacht. Knie fordert: Führerschein für Männer erst ab 26. Er nennt als Grund für die Raserei „alte archaische Strukturen“ und einen „veralteten Männlichkeitswahn“. Für solche Vorschläge muss er mitunter fürchten, Morddrohungen zu bekommen. Wobei – und das überrascht – selbst die Autozeitschrift Auto Motor Sport berichtet ohne Geifer in den Mundwinkeln von Knies Vorstoß. Denn dass auf Deutschlands Straßen die Hölle los ist, ist Fakt.

Wissenschaftliche Studien belegen, dass die Risikofreude bei jungen Menschen größer ist als bei älteren. Im Auto wird das Risiko unterschätzt, schützt doch eine Blechhülle samt Airbag die fahrenden Idioten. Wenn diese bei ihren Aktionen aber nicht nur sich, so­ndern andere in Gefahr bringen, müsste der Gesetzgeber dies doch unterbinden.

Deshalb macht Andreas Knie noch einen kompromissfähigeren Vorschlag: Führerscheinanfänger sollen keine PS-starken Automodelle fahren dürfen, wie das beim Motorradfahren schon gilt. Mit 18, wenn das Gehirn noch im pubertären Ausnahmezustand ist, würden sie dann keine 500 PS unter den Hintern kriegen. Denn Autos sind Waffen.

Das mit den Waffen habe ich schon einmal geschrieben, es hat zu einem Aufschrei geführt. Weil die halbe Nation Schnapp­atmung bekommt, sobald jemand etwas gegen Autos sagt.

Dabei muss wirklich etwas unternommen werden gegen die viel zu vielen Karossen auf Deutschlands Straßen. 60 Millionen Pkws nämlich. Es gäbe viele Möglichkeiten, die Zahl zu reduzieren, allein, Po­li­ti­ke­r*in­nen trauen sich nicht. Aus Angst vor der Wut der Autofans?

Die halbe Nation bekommt Schnapp­atmung, sobald jemand etwas gegen Autos sagt

Andreas Knies Vorschlag, den Führerschein erst ab 26 zu erlauben, ist eine Möglichkeit, Grenzen zu setzen. Weniger Autos zuzulassen, eine andere. Abwrackprämien für 8 Millionen Autos hat ein Thinktank neulich vorgeschlagen, nur so könne Deutschland im Verkehrssektor sein CO₂-Ziel erreichen. Von mir aus auch strenge Auflagen für ältere Menschen, die noch Auto fahren. Zwar verursachen sie laut Statistischem Bundesamt weniger Unfälle, wenn doch, dann seien diese aber meist schwerer.

Zurück zu den jungen Autofans. Für die allermeisten Berufe wird vorausgesetzt, dass ein Schulabschluss vorliegt. Warum also nicht auch den Führerscheinerwerb für Pkw, Motorrad oder Lkw an einen ­Schulabschluss koppeln? 12 Prozent der Schulpflichtigen brachen im Jahr 2023 die Schule ab. Deutschland liegt EU-weit damit an dritter Stelle hinter Rumänien und Spanien. Vom Auto träumen viele der jungen Männer, die ohne Abschluss die Schule verlassen. Drei Fliegen könnten deshalb so mit einer Klappe geschlagen werden: Es gäbe weniger Schul­abbrecher und mehr Motivation für den Unterricht. Sofern Bildung Verantwortung fördert, gäbe es auch mehr verantwortungsvoll handelnde junge Menschen und damit weniger Raser. Und weniger Autos hoffentlich auch.

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