Tagebuch aus Lettland: Unsere Feste feiern wir mit Tränen in den Augen

I m Dezember 2025 kamen 143 belarussische politische Gefangene frei. Endlich. 123 von ihnen wurden dank amerikanischer Diplomatie aus der Haft entlassen – im Austausch gegen eine teilweise Aufhebung von Sanktionen. Weitere 20 Gefangene kamen durch Begnadigung frei – ob Belarus‘ Staatspräsident Alexander Lukaschenko dafür eine Gegenleistung erhielt, ist unbekannt.

Es ist, wie man so sagt, ein Fest mit Tränen in den Augen: Andere Menschen werden weiterhin verhaftet, und mehr als 1.100 Menschen sitzen immer noch in Haft, und auf sie warten politisch motivierte Verfahren. Und dennoch ist es ein Fest.

Alle 123 Personen aus der erstgenannten Gruppe wurden zwangsweise aus Belarus ausgewiesen. Die meisten von ihnen kamen zunächst in die Ukraine, wo sie regelmäßig Schutzräume aufsuchen mussten, weil ständig Beschuss drohte. Danach sind sie in die Europäische Union gebracht worden, zunächst nach Polen.

Wir, die belarussischen Dis­si­den­t:in­nen und Communitys im Exil, haben einen starken Willen, diesen Menschen zu helfen.

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Um Freigelassenen zu helfen, mussten 123.000 Euro gesammelt werden. Es gelang binnen drei Stunden.

Als man sie aus der Ukraine nach Warschau gebracht hatte, wurden sie dort mit Essen empfangen, Ärz­t:in­nen und Psy­cho­lo­g:in­nen kümmerten sich um sie. Noch bevor die genaue Zahl der Freigelassenen bekannt wurde, kündigte der Bysol-Fonds eine Spendenaktion an, damit jeder und jedem, die oder der aus dem Gefängnis entlassen wurde, 1.000 Euro ausgezahlt werden konnte. Dafür mussten 123.000 Euro gesammelt werden, was in weniger als drei Stunden gelang.

Ein Erfolg. Und ein Beweis, wie schnell wir in unserer Community handeln können, dass wir immer wachsam sind und dass wir auf Veränderungen schnell reagieren. Wenn nötig, sind wir sofort bereit. Früher hatten wir zu sehr auf Oppositionsführer und auf politische Strukturen im Exil gehofft. Jetzt jedoch haben wir verstanden: Man muss sich selbst organisieren. Jede Stimme, jeder Cent und auch jede Handlung zählen.

In einem Social-Media-Chat, über den die Hilfe in Warschau koordiniert wird, erhalte ich einen Eindruck davon, wie diese große Freiwilligenstruktur funktioniert. Die Hel­fe­r:in­nen besuchen die Hotels, in denen viele der Freigelassenen untergebracht sind. Für eine entlassene Frau wird beispielsweise ein weicher Halskragen gebracht, ein Mann erhält eine Knieorthese.

Ich möchte diese Solidarität feiern

Das ist eine Solidarität, die ich feiern möchte: Belarus:innen, die früher im Gefängnis saßen, helfen Belarus:innen, die jetzt aus dem Gefängnis freigekommen sind. Freiwillige in Warschau begleiten die Freigelassenen zum Arzt oder zur Ärztin. Auch die Pflege wird schnell organisiert: Termine im Friseursalon, für Pediküre oder Massagen werden kostenlos oder zu einem bloß symbolischen Preis angeboten.

Die Universitätsdozentin Olga Filatchenkova, die mehr als zwei Jahre wegen der Unterstützung studentischer Proteste inhaftiert war, hat kleine Weihnachtsbäume als Geschenk gebastelt. Ehemalige politische Gefangene übernehmen die Betreuung der kürzlich Freigelassenen und helfen ihnen dabei, im Ausland zurechtzukommen.

Das ist viel, reicht aber dennoch nicht aus. Nicht weil die Helfenden zu wenig tun, sondern weil nichts jemals genug sein wird. Keine Fürsorge und keine Hilfe kann das ungeschehen machen, was diesen Menschen ungerechtfertigterweise mehrere Jahre in Folterkammern angetan wurde. Aber dank der Solidarität und der vielfältigen und schnellen Unterstützung kann das persönliche Leid jedes einzelnen Repressionsopfers etwas erträglicher gemacht werden.

Nasta Zakharevich ist eine belarussische Journalistin und lebt im Exil in Lettland. Sie war Teilnehmerin eines Osteuropa-Workshops der taz Panter Stiftung.

Aus dem Russischen von Tigran Petrosyan.

Durch Spenden an die taz Panter Stiftung werden unabhängige und kritische Jour­na­lis­t:in­nen vor Ort und im Exil im Rahmen des Projekts „Tagebuch Krieg und Frieden“ finanziell unterstützt.

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