Theater Lübeck verhandelt Kinderwunsch: Das Drama geliehener Mutterschaft

Ein Kinderwunsch wird nicht genetisch, sondern sozialpsychologisch induziert. Ist er aber erst mal als elementar für den eigenen Lebensentwurf gesetzt, wird der Leidensdruck immens groß bei etwa zehn Prozent aller Paare in Deutschland, die laut Schätzung des Bundesfamilienministeriums unfreiwillig kinderlos sind. Also auf dem klassischen Weg keine Kinder bekommen können.

Gibt es ein Recht auf Elternschaft zur Realisierung des traditionellen Familienbildes? Dass sich einige Paare mit solchen Behauptungen nicht für die legale Alternative einer Adoption entscheiden, sondern in die höchst umstrittene und in Deutschland verbotene Dienstleistung der Leihmutterschaft (bis zu sechsstellige Summen) investieren, greift Sina Ahlers in ihrem Stück „Milch & Schuld“ auf. Sie lässt sich erst einmal empathisch darauf ein und blickt schließlich aus mehreren Perspektiven auf grundsätzliche Fragen zum Kinderwunsch, -kriegen und -haben. Regie führt Lara Jung am Theater Lübeck.

Der Herzschlag eines Ungeboren pulsiert unter der klangdüsteren Tonspur. Die Bühne nimmt nicht die im Text erwähnte Bahnhofsatmosphäre auf, sondern erinnert an eine Skaterbahn, über der eine Sonnenscheibe hängt als Projektionsfläche für Trickfilmgimmicks mit benutzten oder erwähnten Requisiten. Zwei Außenseiterinnen treffen sich in diesem Ambiente zum fröhlichen Streiten. Zartie (Sonja Cariaso) ist jung und etwas klischeehaft orientierungslos in prekären Verhältnissen. Allein aus ökonomischer Not vermietet sie ihren Uterus für einen Großauftrag: Eine künstlich befruchtete Eizelle soll implantiert werden und zum Baby heranwachsen.

Weniger Altruismus als Profit

Zartie ist sich bewusst, dass das bei ihr weniger mit Altruismus zu tun hat und mehr ein profitorientiertes Geschäft mit reproduktiven Fähigkeiten ist. Ihr ganzer Körper und Geist werden beansprucht. Sind die Strapazen der Schwangerschaft überhaupt bezahlbar? Was ist mit dem Kind, das identitätsbildend mit diversen Herkünften klarkommen muss? Darüber tauscht Zartie sich mit einer einbeinigen Taube (Antonia Sophie Schirmeister) aus, die zu laut, zu grell im kunstfelligen Hiphop-Hippie-Style-Mix als Interviewerin daherkommt und gleich einen Grund für Mutterschaft markiert: „Ich will gebaucht werden.“

Die monologischen Fragmente der beiden inszeniert Lara Jung dialogisch und überformt sie performativ. Kaum ein Halbsatz, zu dem das Duo nicht aneinander herumfummeln, rennen, toben, fallen, übereinander steigen muss. Stets soll inneres anspielungsreich in äußeres oder symbolisches Geschehen übersetzt werden. Was zuweilen witzig, häufig unverständlich leerläuft. Manchmal aber finden Mensch und Taube zu gemeinsamen Bewegungen – grooven ihre Arme ins Babyschaukeln ein oder feiern eine Geburtschoreografie. Die szenischen Wechsel sind rasant, der Bedeutungsgewinn ist mau. Auch weil die hektische Verspieltheit zu keinem Rhythmus, zu keiner Entwicklung findet.

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Die szenischen Wechsel sind rasant, der Bedeutungsgewinn ist mau. Auch weil die hektische Verspieltheit zu keinem Rhythmus findet

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Durchaus freudig klemmt sich Zartie einen Wasserball als Fremdkörper vor den Bauch. Dagegen setzt die Autorin Gedanken, Gefühle, Erlebnisse von Frauen, die sie im Internet gefunden hat. Vom verzweifelten „Ich wünsche mir so sehr ein Kind“ geht es zu Mütteräußerungen über zehrenden Schlafmangel, zermürbende Fremdbestimmung, „ruinierte Körper“ und totale Frustration: „Wenn sie dich anlächeln, ist alles wieder gut – das ist der größte Bullshit ever. Freiheitsliebe und Kinder passen einfach nicht zusammen.“ Dagegen stehen Aphorismen wie: „Nur wer sich vermehrt, lernt von sich abzusehen.“ Beim Hin und Her der Aussagen schmiegen sich die Darstellerinnen eng aneinander, als wollten sie die Widersprüche vereinen.

Mindereinnahmen bei Behinderung

Zartie hat Angst vor Schuldgefühlen und Mindereinnahmen, wenn sie ein Kind mit Behinderung produziert. Und so kommt es. Die Auftraggeberin kann nun vom Kaufvertrag zurücktreten. Wem gehört das Kind? Soll die Leihmutter es „wegmachen“ lassen, will sie es austragen und behalten? Die einbeinige Taube, durch ihre Behinderung selbst nicht der Norm entsprechend, spricht ihr mit einer Kussorgie Mut zu.

Nach diesem dramatischen Bruch nimmt alles einen guten Verlauf. Ex-Taube Schirmeister gibt jetzt die Eispenderin Holly und Cariaso bleibt Zartie. Beide konzentrieren sich auf klassisches Rollenspiel, sodass sich die Figuren zu beklommenem Kennenlernen öffnen können. Die Wunschmutter spricht darüber, wie es ist, Eltern mit Kindern zu sehen: „Der Neid, der einem ins Gesicht geschrieben steht, ist das, wofür man sich am allermeisten schämt.“ Die Leihmutter erkennt in ihrer Schwangerschaftsarbeit, dass auch „so eine schöne erzwungene Liebe“ erblüht. Schließlich kommen beide schwesterlich zusammen. Werden sie das Kind gemeinsam annehmen?

Das ist eindrücklich gespielt. Inhaltlich werden viele Punkte aktueller Mutterschaftsdiskurse angetippt – sprachlich in einem sinuskurvigen Ausbalancieren von lakonischer und wutkraftvoll entschwebender Formulierungskunst. Der Text überzeugt als offene Suchbewegung. Ihr hechelt die Inszenierung erst assoziierend hinterher, hält inne und möchte dann in freundlicher Konventionalität ein Happy End herbeizaubern. Regiekünstlerisch nicht vollends überzeugend, aber sympathisch.

  • informationsspiegel

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