Er muss sich auch in seiner neuen Heimat um Seelen sorgen – und um die Verhältnisse, wenn sie den Seelen zu schaden drohen. Also lädt Frank Richter zu einer Diskussion „Kirche und Demokratie“ in den Merseburger Dom ein, wird seinerseits vom Deutschlandfunk zu den „Zwischentönen“ eingeladen, hält im August noch vier Vorträge in Sachsen-Anhalt zum Thema „Was wir von einer AfD-geführten Regierung zu erwarten haben“, moderiert Ende Juli in dem Dörfchen Horburg ein Gespräch mit dem Bischof der Evangelischen Kirche Mitteldeutschland, Friedrich Kramer. „Wenn hier 70 Leute das Kirchlein füllen, ist das so, als ob in Leipzig 70.000 auf die Straße gehen würden!“
Erst seit dem vorigen Jahr lebt der Theologe, vor 66 Jahren im sächsischen Meißen geboren, in einem kleinen Ort bei Merseburg. Seine Frau hat es von hier nicht so weit zum MDR in Halle, und Richter war der „Enge sächsischen Denkens“ auch ein wenig überdrüssig geworden. Seine Berufung beschreibt er als tragende Konstante über alle wechselnden Berufe und Funktionen hinweg. Dass sie sich auch in Sachsen-Anhalt durchsetzen würde, war absehbar: „Seelsorgerisch wirken, Menschen wahrnehmen und einbinden, Orientierung und Hoffnung geben!“
Für Richter gab es dabei nie die auf Luther zurückgeführte umstrittene Zwei-Reiche-Lehre, also den Dualismus von Gottesreich und weltlicher Obrigkeit. Als junger Kaplan an der katholischen Dresdner Hofkirche half er im Oktober 1989 mit, die Weichen für einen friedlichen Verlauf der Proteste gegen das SED-Regime zu stellen. Lehrer, Direktor der Landeszentrale für politische Bildung, 2018 nur um 97 Stimmen bei der Stichwahl zum Oberbürgermeister in Meißen gescheitert, SPD-Landtagsabgeordneter in Sachsen lauteten seine weltlichen Stationen.
Bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern könnte erstmals seit 1945 eine rechtsextreme Partei an die Regierung kommen. Es gibt vor Ort aber auch eine lebendige Zivilgesellschaft, die die Wahlen noch nicht verloren gibt. In der Serie „Richtig gute Leute“ stellen wir sie den Sommer über vor.
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Kulturkampf gegen die offene Gesellschaft
Was immer blieb, war sein pastoraler Einsatz. Jetzt, in Sachsen-Anhalt, predigt er wieder und mischt sich zugleich offensiv in den „Schicksalswahlkampf“ ein. „Die AfD führt einen Kulturkampf gegen die liberale, offene Gesellschaft! Sie sammelt oberflächlich und banal alles ein, was wir vor hundert Jahren schon hatten.“ Frank Richter fühlt sich an das Marx-Wort erinnert, dass sich Geschichte immer zweimal ereigne: das erste Mal als Tragödie, das zweite Mal als Farce. Ähnliches gelte für die von der AfD instrumentalisierte DDR-Ostalgie.
Der von der AfD im Programm angekündigte Kampf gegen die „Kirchensteuerkirchen“ beunruhigt ihn dagegen weniger. „Das wird die Kirche überstehen“, zumal ihr finanzielles Aushungern nicht im Handstreich durchzusetzen sei. Eine Überprüfung der staatlichen Entschädigungsleistungen infolge der napoleonischen Enteignungen ab 1806 hält aber auch Richter für geboten. Schlimmer sei die identitätspolitische Benutzung des „christlichen Abendlandes“ durch die AfD, die dessen Versatzstücke „auf dem politischen Flohmarkt“ feilbiete.
Ein ausgeglichener, humorvoller Typ wie Frank Richter empfiehlt seinen persönlichen Umgang mit schweren Bedrohungen auch den Bürgern: „Die Gesellschaft in Sachsen-Anhalt könnte jetzt entdecken, dass Demokratie eine ernste Sache ist und doch Freude macht!“ So ließe sich auch das „res severa verum gaudium“ des römischen Philosophen Seneca übersetzen. Dieses Bewusstwerden, wünscht sich Richter, solle über den Wahltag hinaus anhalten.






