Todeszone Mittelmeer: Als Wal wäre ihnen das nicht passiert

D en Weg zurück ins offene Meer fand er nicht, den Weg in die Herzen der Deutschen schon. Eine Nation litt mit „Timmy“, dem Wal am Ostseestrand. Manche planten, ihm mit einer Menschenkette oder Klopfgeräuschen zurück ins Meer zu helfen. Freiwillige wollten ihn feucht halten und füttern. NDR, Focus, Bild, Ostsee-Zeitung und Merkur informierten mit Live-Tickern. Reporter berichteten, wie die Dämmerung am Strand der Insel Poel über dem Wal hereinbrach: „Es war nur leises Vogelgezwitscher und in der Ferne das Muhen der Rinder zu hören. Es war die Ruhe, die Buckelwal Timmy jetzt brauchte, um an der vermutlich letzten Station seines Lebens zu sterben.“

Die Polizei hielt Schaulustige mit einer Sperrzone fern und verbot Drohnenflüge, weil sie „das sterbende Tier stressen“. Ein Vermessungsboot fuhr das Gewässer ab, um die Bergung des Kadavers vorzubereiten. Die Messungen seien „extrem langsam und möglichst geräuschlos“ durchgeführt worden, um den das Tier nicht zu stören, versicherte ein Sprecher des Umweltministeriums von Mecklenburg-Vorpommern.

Als klar wurde, dass der Wal bald ausgeschnauft haben würde, zeigten wütende Bürger Umweltminister Till Backhaus (SPD), Greenpeace und das Institut für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung an der Uni Hannover wegen unterlassener Hilfeleistung an.

Zur gleichen Zeit trieben etwa 80 Menschen zwischen Libyen und der italienischen Insel Lampedusa im Mittelmeer. Wie es aussieht, überflog das Aufklärungsflugzeug IAM4101 der italienischen Luftwaffe am Montag das Seegebiet ganz in der Nähe des Schlauchbootes. Das Frontex-Flugzeug „Eagle 2“ informierte am selben Tag zweimal über ein Schlauchboot in Seenot. Doch erst mehr als 24 Stunden später, am Dienstag, kam die italienische Küstenwache den Menschen zur Hilfe. Da waren 19 der Insassen tot, offenbar erfroren, fünf waren in kritischem Zustand.

910 Tote bisher in diesem Jahr

Einen Tag später, am Mittwoch, starben 20 Migrant:innen bei einem Bootsunglück vor der Küste von Bodrum in der Türkei. Am Sonntag waren mindestens 40 Menschen elf Meilen vor der Küste von Sfax in Tunesien ertrunken.

Schlagzeilen macht das alles nicht mehr. Mindestens 910 Tote Flüchtlinge und Migrant:innen gab es bisher in diesem Jahr im Mittelmeer, dazu mindestens 120 auf dem Weg von Westafrika zu den Kanaren und mindestens vier im Ärmelkanal. Im Januar waren es 459 Tote, so viele wie noch nie in einem Januar, seit 2014 begonnen wurde, offiziell zu zählen.

Hinzu kommt, dass im Schnitt etwa 3.000 Menschen jeden Monat von der libyschen Küstenwache auf dem Mittelmeer aufgegriffen und gegen ihren Willen nach Libyen zurückgeschleppt werden. In der Regel folgt darauf Haft, Folter, Erpressung, Sklaverei oder Tod. Manchmal alles zusammen.

Italien blockiert derzeit mehrere NGO-Rettungsschiffe. Die Behördenanordnung verbieten ihnen, italienische Häfen zu verlassen. Wenn privaten Rettungsschiffen ein Einsatz gestattet ist, müssen sie die Geretteten seit 2023 oft in weit entfernte Häfen im Norden Italiens bringen – offensichtlich, um ihnen für längere Zeit weitere Rettungen unmöglich zu machen.

Behandelt wie Verbrecher

Der gestrandete Wal nimmt uns nichts weg. Die Migrant:innen aber sehen viele als Bedrohung für unser Leben im Überfluss. Wenn sie sterben, ist das Wegschauen Programm und die unterlassene Hilfeleistung Strategie. Es gibt keinen Liveticker, kein Mitleid, keine Anzeigen. Jedenfalls keine, die Folgen hätten. Und die, die helfen wollen, werden behandelt wie Verbrecher.

Die große Leistung von Gruppen wie Sea Watch oder dem Alarm Phone war es, der kollektiven Abstumpfung so lange mit Erfolg entgegengetreten zu sein. Lange wurde das Sterben im Mittelmeer von vielen deshalb als nicht normal, als nicht eben zur Welt dazugehörend gesehen, sondern als das, was es ist: eine zivilisatorische Schande, die sich beenden ließe. Heute ist das anders.

Die toten Flüchtlinge sind mittlerweile zu einer genauso abstrakten Größe geworden wie die Kriegstoten im Sudan, die Hungertoten in Ostafrika, die Opfer behandelbarer Krankheiten oder von Extremwettern. Die Veränderbarkeit dieser Schicksale wird verdrängt. Den Wal vermenschlichen so viele, weil er ihnen als Individuum entgegentritt. Dann sind Menschen zur Empathie willens und fähig.

Wer zu einer anonymen Masse entmenschlicht wird, dessen Leid rührt nicht mehr an. So wird Akzeptanz geschaffen für eine Politik, die den Tod einpreist.

  • informationsspiegel

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