Über Macht und Ohnmacht: Das Schlimmste der Gefühle

E igentlich hat jeder Mensch ein bisschen Macht. Meist nicht über andere, aber wenigstens über sich selbst. Das muss auch so. Denn das Schlimmste, was Menschen fühlen können, ist Ohnmacht. Und die entsteht, wenn Menschen Unrecht angetan wird und sie keine Möglichkeit sehen, sich dagegen zu wehren.

Ohnmächtig sahen Juden und Jüdinnen in ganz Deutschland am 9. November 1938 dabei zu, wie Nazimobs Synagogen, Wohnungen und Geschäfte in Brand setzten, während die vielerorts gerufene Polizei entweder nicht kam, einfach zusah oder mitmachte.

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Ohnmächtig erleben Menschen in Mexiko und anderen lateinamerikanischen Ländern, wie das Geld der Drogenkartelle einfach alles kaufen kann, inklusive Medien, Polizei und Justiz.

Ohnmacht empfinden Parlamentarier*innen, wenn sie merken, dass ihre repräsentative Macht nicht mehr ausreicht, um die Gier, Willkür und gesellschaftliche Zerstörungslust der großen Techkonzerne im Zaum zu halten.

Keine Macht für Niemand

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Aber das sind keine Naturgesetze.

Ohnmacht empfinden bäuerliche palästinensische Betriebe im Westjordanland, wenn radikale Siedler ihr Vieh stehlen, ihre Ställe abbrennen oder ihre Ernte vernichten – und niemand hilft.

Und der immer verzweifeltere zivilgesellschaftliche Diskurs in Deutschland legt nahe, dass viele das Gefühl haben, ohnmächtig zusehen zu müssen, wie der neue Faschismus immer mehr Raum greift und scheinbar unaufhaltsam auf dem Weg zur Regierungsübernahme ist.

Aber das sind keine Naturgesetze. Ohnmächtig sollten Menschen allenfalls Erdbeben gegenüberstehen müssen – wobei selbst da mit vernünftiger Bauplanung zumindest katastrophische Folgen vermeidbar sind.

Im Vergleich dazu einfach wäre es, niemandem die Macht zu geben, anderen Menschen Unrecht anzutun, zumindest nicht straflos. Das ist die Mindestanforderung, um den Artikel 1 des Grundgesetzes von der unantastbaren Würde des Menschen tatsächlich umzusetzen.

Dazu darf es keine wegsehende Polizei geben, keine gekauften Richter, keine religiös-nationalistisch gefärbte Straflosigkeit, keine angsterstarrte Zivilgesellschaft und keine übermächtigen – oder besser: einfach keine – Milliardäre. Es lohnt sich, genau das zu organisieren. Um nicht wegzuschauen, muss man nicht mal Polizist sein. Und was toll ist: Es gibt immer eine ganze Menge Leute, die dabei mitmachen und sich auch durch Rückschläge nicht abschrecken lassen. Pro-Tipp, wenn man dran glaubt: Gut fürs Karma ist es auch.

Macht ist nichts Schlimmes, wenn sie einigermaßen gleich verteilt ist. „Keine Macht für Niemand!“, hieß es einst bei den Scherben. Genau darum geht’s.

  • informationsspiegel

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