Uraufführung an Münchner Kammerspielen: Fütterung der Affen von der falschen Seite des Käfigs

Das Licht senkt sich über die Bühne im Werkraum der Münchner Kammerspiele. Ein Telefon klingelt ein hölzern-hohles Iphone-Klingeln, das übliche kurze Zögern im Saal, die Aufforderung ist bekannt, man fühlt förmlich den kleinen Widerstand in den Körpern der Masse. Es klingelt weiter. Ein vereinzeltes Fassen an Hosentaschen, leise reibend pulen Daumennägel rückversichernd an Lautlos-Knöpfen. Und es klingelt weiter.

„Opening“, wie der Ton in den Systemeinstellungen des iOS heißt, klingelt noch, während drei Schau­spie­le­r:in­nen die Bühne betreten. Er klingelt, wenn das Scheinwerferlicht angeht, er klingelt, wenn auf der kreuzförmigen Projektionsfläche der Stücketitel verschwindet, und er klingelt, als die Darsteller beginnen zu proklamieren: „1 Selbstmord, ein Versuch / 2 Stalingrad, ein Wintermärchen / 3 Wir kommen, um zu leben / 4 Grüß Gott Schwermut / 5 Hoppla, wir sterben“.

Der Ton des Abends ist gesetzt: überdehnte Witze, ironischer Tod, ironisches Leben, ironische Kultur und ein trotziger Intellekt, der sich zwischen splittriger Schärfe und onkeliger Peinlichkeit nicht entscheiden kann. Kommen Sie näher, treten Sie ein: die Frankfurter Hauptschule streichelt Ihnen heute mit Stahlwolle die offenen Nervenenden.

„2×241 Titel doppelt so gut wie Martin Kippenberger“, so der Titel des Stücks, mit dem das circa zwanzig Personen umfassende westdeutsche Kunstkollektiv, welches sich vor über zehn Jahren an der Städel-Schule gründete, im letzten Jahr den Au­to­r:in­nen­preis des Heidelberger Stückemarkts gewann.

Eine sehr direkte Anspielung auf den großen Anti-Künstler der BRD, dessen schmale Broschur „241 Bildtitel zum Ausleihen“ von 1986 (antiquarisch ab 650 Euro erhältlich) schon lange als ein Grundstein der Mythosbildung der deutschen Nach-Nachkriegskunst gilt: „Noch nie was von Publikumsbeschimpfung gehört?“ – wie einer seiner Titel lautet.

Krass avantgarde nun eher nicht

Die Frankfurter Hauptschule will es nun besser machen, doppelt so gut, im wörtlichsten Sinne, soll die Inszenierung des Kollektivs also werden: „39 Ich habe die leise Hoffnung, es wird krass avantgarde.“

Krass avantgarde wird es dann leider nicht, jedoch kurzweilig und zeitweise durchaus lustig. Irgendwann hört das Klingeln auf. In Kostümen zwischen New Kids, Capitol-Erstürmung und Post-Bar-25-Clubkultur türmen die drei Dar­stel­le­r:in­nen auf der leeren Bühne in je zwei Blöcken die meisten der 241 Titel verbal aufeinander, während vereinzelt wenige von ihnen über die Projektion im Hintergrund flattern.

Ab und zu entsteht dadurch eine Art Meta-Kommentar, eine Bezugnahme zwischen gesprochenem und gelesenem Wort, manchmal führt es jedoch auch einfach nur dazu, dass die Schauspielenden Antonia Gruse und Elias Maria Burckhardt sich verzählen. Dem Regieassistenten Nicolaus Crayen, der kurzfristig für die erkrankte Anja Signitzer einspringt, kann das nicht passieren, er liest mit größter Monotonie die Titel aus einem Buch ab – und überzeugt so tatsächlich durch markantes Nichtspielen: „38 Hier sind wir jetzt, unterhalte uns“.

Thematisch mäandern die Titel zwischen Zeitanalyse: „120 Wenn der Faschismus wiederkehrt, wird er nicht sagen: Ich bin der Faschismus. Nein, er wird sagen: Wenn der Faschismus wiederkehrt, wird er nicht sagen: Ich bin der Faschismus. Nein, er wird sagen: Wenn.“, Studentenwitzen: „Georg Lukács vs. George Lucas, wer gewinnt?“, Kunststudentenwitzen: „Unter den Blinden ist Johann König“ und seichter Provokation in jede Richtung: „160 Hätte Nabokov ‚Lolita‘ nicht schreiben dürfen, weil er kein Kinderficker war?“

Provokation gelingt nicht

Es liegt eine leichte Nostalgie im Humor des Textes, eine Lust an einer Provokation, die bei allem bebenden Glucksen im Publikum nicht mehr so recht gelingen will. Zu abgestumpft ist das Gemüt im Jahr 2025, zu viele Würstchen hat sich Lars Eidinger auf den Bühnen dieser Welt schon in den Po gesteckt, zu viele Hasskommentare voll ernst gemeinter Menschenverachtung das Hirn im Internet schon aufgesogen.

Dagegen anzukommen ist hart. Das scheint auch die Frankfurter Hauptschule zu wissen: „178 Folgt uns zu einem neuen egal“. Die Gegenwart ist zu verworren, die Sehnsucht nach Früher hat sogar die linken Künst­le­r:in­nen erreicht und am Ende ist das die wirklich traurige, ernüchternde Essenz des Stücks: „236 Nie wieder war gestern. Der Rest ist Gegenwart.“

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