
Fast hätte das Interview zu einem Ehestreit geführt. „Das bringt doch nichts mit der Lügenpresse“, krakeelt der Grauhaarige, als die taz-Reporterin seine Frau in der Magdeburger Innenstadt anspricht. Er grapscht nach dem Handgelenk der adretten Blonden und versucht, sie weiter zu zerren. „Mit wem ich rede, entscheide immer noch ich“, feuert sie zurück.
Dann reißt sie sich los, macht auf dem Absatz kehrt und wendet sich der Reporterin zu. „So, was wollen Sie wissen? Ich bin gut informiert“, beginnt sie das Gespräch. Der Mann stapft davon. „Ich werde AfD wählen“, erklärt sie im zweiten Satz. Dass die AfD die Demokratie abbauen könnte, kommentiert sie nur mit: „Jeder hat seinen Makel.“
So sehr der Sieg der Rechtsextremen am Sonntag in Sachsen-Anhalt zu befürchten ist, so sehr haben auch viele Akteure der Region gezeigt: Aufgeben ist keine Option. Und: Nach der Wahl ist immer auch vor der Wahl, zum Beispiel der Bundestagswahl 2029. Den anderen Parteien bleibt nichts anderes übrig, als zu versuchen, Stimmen zurückzugewinnen. Besonders viele haben sie in der Arbeiterklasse verloren. Aber es entscheidet sich mit 30 Prozent bislang nur eine Minderheit von ihnen für die rechtsextreme Partei – obwohl das bürgerliche Feuilleton teils einen anderen Eindruck vermittelt.
Dazu zählen neben den Lohnabhängigen, etwa in der Industrie, auch Menschen im Dienstleistungssektor, Soloselbstständige und Arbeitslose. Sie gehören unter anderem zu den Geringverdienenden in der Gesellschaft und umfassen ungefähr 16 Millionen Menschen. Bei der letzten Bundestagswahl schnitt die AfD in der Arbeiterschaft um 9 Prozentpunkte besser ab als in der Gesamtbevölkerung. Was bewegt sie?
Unzufriedenheit durch rechte Propaganda
„Wiktor, allet klar? Mittag oder watt?“ ruft der Schlosser über den Hof. „Kollege aus Kasachstan, guter Mann“, sagt er zur Reporterin – als wolle er belegen, dass er nichts gegen Ausländer habe. Der 43-Jährige arbeitet im Nordwesten von Rügen bei einem Charterbetrieb für Yachten.
Es kann sein, dass er am 20. September bei der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern wieder AfD wählt. Er plappert rechte Fake News nach – etwa, dass die Grundschule im Nachbarort geschlossen worden sei, obwohl sie mit Millionen Euro saniert wird. Auch antisemitische Vibes kommen durch, wenn er „die Gier bestimmter Leute“ kritisiert, die aus seiner Sicht „nicht zufällig reich“ seien. Zur Familie gehören für ihn Vater, Mutter, Kind.
Seine Familie wirkt dabei nicht ökonomisch abgehängt: Er besitzt mehrere Autos, seine Tochter ein Pferd. Die „große Unzufriedenheit“, die Herr D. verspürt, scheint eher durch rechte Propaganda ausgelöst worden zu sein. „Ich gehe trotzdem wählen und mach jetzt nicht ‚Sieg Heil!‘ wie andere hier“, betont er.
Und siehe da, beim Thema Migration vertritt er humane Einstellungen: „Leute, die Schutz brauchen, sollen den bekommen.“ Das Arbeitsverbot für Geflüchtete nennt er „völlig schwachsinnig“, die Grenzkontrollen findet er hingegen in Ordnung. In seinem Musikverein könnten Migranten mitmachen, „wenn sie sich benehmen“. Nach diesem Halbsatz, den man für eine rassistische Suggestion halten könnte, folgt unerwartet eine feministische Aussage: „Junge Männer sind immer so voll mit Testosteron, egal ob deutsche oder nicht deutsche.“
Wer kann und will wählen
Anders als der Schlosser ist eine Barkeeperin mit akademischem Abschluss drauf. Die Mittdreißigerin arbeitet Vollzeit in einem Pub nahe dem Magdeburger Bahnhof und sagt der taz: „Ich kann es nicht mehr hören.“ Als Österreicherin ist sie „froh, wenn der ganze Zirkus am Sonntag vorbei ist“.
Dürfte sie abstimmen, würde sie ihr Kreuz „eher nicht bei so einer extremen Partei“ machen. Stimmen von Menschen wie dieser Kellnerin könnten die demokratischen Parteien also erobern, ganz ohne sie von der AfD abwerben zu müssen – würden sie ihnen das Wahlrecht erteilen.
Ein anderer Mann dürfte zwar, will aber nicht. „Ich glaube keinem einzigen Politiker mehr“, sagt der Pfandsammler in Magdeburg, sichtlich überrascht, dass die Reporterin ihn anspricht. Er schaut von einem Mülleimer auf, in dem er gerade gestochert hat. An seinem roten Fahrrad baumeln halbvolle Plastiktüten.
Seinen Namen möchte der schmächtige Mann mit dem langen Bart, der von 300 Euro im Monat lebt, nicht nennen. „Ich lese viel Zeitung – nämlich jede, die ich finde“, erklärt er. „Ich kenne noch den Sozialismus, das war viel besser, also die sozialen Errungenschaften“, sagt er lächelnd. „Merz ist ein Lügenkanzler und die AfD, das sind Nazis.“
Er sei ein Linker. Aber die Linkspartei wählt er auch nicht. „Die ist doch eh zu schwach, um irgendwas umzusetzen“, resümiert er. Gibt es eine politische Maßnahme, die er sinnvoll fände? „Wenn sie die Pfandpreise erhöhen.“
Rassismus auch ohne AfD
Auch bei der ungelernten Kassiererin in Magdeburg habe die AfD „keene Schangse“, versichert die Mittfünfzigerin mit dem violetten Kurzhaarschnitt und den langen Fingernägeln. „Dann schon lieber die Gartenpartei“, sagt sie. „Nochmal Hitler“, darauf habe sie keine Lust. Aber dass in ihrem Viertel „viele Ausländer“ wohnen, findet sie nicht gut. Rassismus geht eben auch, ohne die AfD zu wählen.
So unterschiedlich die rund 20 Menschen, mit denen die taz gesprochen hat, auch sein mögen, so haben sie eine Sache gemeinsam: Neben all den menschenverachtenden Einstellungen vertreten sie alle auch Forderungen, an die demokratische Parteien anknüpfen könnten.
Eine Person mag bei einem Thema komplett im rechtsextremen Propagandatunnel stecken, bei einem anderen argumentiert sie aber wieder mit Fakten. Niemand dieser zufällig angesprochenen Leute gehörte zum Bodensatz der überzeugten Neonazis, die nicht mehr zu bekehren sind. Und ebenso wenig zu denjenigen AfD-Wählern, die eine unbewusste Sehnsucht nach Zerstörung antreibt.
Mehr Schnittmenge mit Linken
Selbst bei der Friseurin aus Magdeburg, die während des gesamten Gesprächs so gereizt klingt, als würde sie gerade wegen nächtlicher Lärmbelästigung bei der Polizei anrufen, findet sich ein Rest Vernunft. Und inhaltlich scheint es eindeutig mehr Schnittmengen mit Linken zu geben als mit der AfD: „Ich habe richtig viel gearbeitet, immer gestanden, eigentlich kann ich nicht mehr“, kritisiert sie die geplante Erhöhung des Renteneintrittsalters.
Auch die hohen Preise stoßen ihr auf. „Von meinen Kunden kann sich kaum noch wer ‘nen Schlüpper oder mal ‘ne Schokolade leisten“, sagt sie. Deren Lage wird die sozialchauvinistische AfD voraussichtlich nicht verbessern, im Gegenteil. Um sie zurückzugewinnen, sollten andere Parteien, „dafür sorgen, dass ich zum Arzt gehen kann und auch mal drankomme“, zetert sie.
Und obwohl sie zurzeit „sehr fixiert auf die AfD“ ist, scheint sie sich nicht völlig mit der Partei zu identifizieren: „Ich geb’ denen jetzt mal eine Chance. Wenn sie es verkacken, müssen sie wieder abtreten.“







