Vor Start des Weltwirtschaftsforums: Davos beschwört den Geist des Dialogs

Als eine Art Fieberthermometer der globalen Politik wirkt das Weltwirtschaftsforum (WEF) in Davos. In den nächsten zwei Jahren sei mit starken Turbulenzen zu rechnen, ist im neuen Welt-Risiko-Bericht des WEF zu lesen. „Geoökonomische Konfrontation“ und Kriege zwischen Staaten sind nun die beiden Top-Risiken. Im Gegensatz zu den vergangenen Jahren rutscht die Sorge um Wetterextreme auf den dritten Platz.

Der Risiko-Bericht basiert auf einer regelmäßigen Umfrage unter ungefähr 1.300 weltweit führenden Firmenvorständen, Fachleuten aus Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft. Das alljährliche Forum in den Schweizer Bergen startet am kommenden Montag. Es ist ein riesiger Kongress mit Tausenden Ma­na­ge­r:in­nen und Politiker:innen. 64 Staats- und Regierungschefs hätten sich bisher angekündigt, sagte WEF-Präsident Borge Brende, darunter die Spitzen der größten westlichen Staaten. US-Präsident Donald Trump soll ebenfalls erscheinen. Auch Kanzler Friedrich Merz reist in das verschneite Städtchen in 1.500 Meter Höhe.

Die Hälfte der Befragten befürchten „turbulente“ oder „stürmische“ Situationen für die weltweite Wirtschaft und Politik in den kommenden zwei Jahren. Im Risiko-Bericht 2025 äußerte sich nur ein Drittel in diese Richtung. 2024 waren es 30 Prozent.

„Geoökonomische Konfrontation“ belegt nun Platz 1 der Risiko-Hitliste – mit 18 Prozent der Nennungen. Darunter sind beispielsweise Auseinandersetzungen um hohe Zölle zu verstehen, wie sie Trump auslöste. Auf Platz 2 folgen jetzt „bewaffnete Konflikte“ mit 14 Prozent der Nennungen, wobei nicht nur der russische Angriff auf die Ukraine und der Gaza-Krieg, sondern auch die Attacke Israels und der USA auf die iranischen Atomanlagen eine Rolle gespielt haben dürften. Im vergangenen Jahr belegten solche Probleme die Plätze 1 und 3. 2024 wurden sie nicht unter den fünf größten Risiken genannt.

Multilaterale Zusammenarbeit weniger intensiv

„Eine neue Weltordnung“ nehme Gestalt an, in der Großmächte ihre Interessensphären absteckten, sagte Brende. Wobei dieser Befund im Risiko-Bericht kein Hexenwerk ist. Das Stimmungsbarometer der Weltelite gibt oft das wieder, was auch die normale Bevölkerung umtreibt. So drängen die aktuellen Sorgen das Klima-Thema mehr nach hinten, das zum Beispiel 2024 noch ganz oben im Risiko-Ranking stand. Im Zeitraum der nächsten zehn Jahre betrachtet, bleibt es für die Teilnehmenden der Umfrage allerdings höchst relevant. Wetterextreme, Kollaps von Ökosystemen und Klimawandel nehmen die drei obersten Positionen der langfristigen Risiko-Wahrnehmung ein.

Vor dem Start des Kongresses veröffentlichte das WEF außerdem die neueste Ausgabe seines „Barometers der globalen Kooperation“, wobei dieses nur bis Ende 2024 reicht. Demnach hat die Intensität multilateraler, friedlicher Zusammenarbeit nachgelassen, an der die Mehrheit der Staaten gleichberechtigt teilnehmen kann. Verursacht haben diesen Rückgang unter anderem die Angriffe Russlands auf die Ukraine und der Hamas auf Israel – Verletzungen der Charta der Vereinten Nationen.

Auf anderen Feldern nehme die Kooperation dagegen zu, etwa in der Klimapolitik, sagt das WEF. Als Beispiele nennt es die EU-Politik zur Reduzierung des Kohlendioxid-Ausstoßes in der Industrie oder ein Abkommen zur Energie-Zusammenarbeit zwischen Laos, Thailand, Malaysia und Singapur. Themenspezifische und regionale Kooperationen setzten dem momentanen Verfall des Multilateralismus durchaus etwas entgegen, lautet die These.

Globaler runder Tisch

In diesem Sinne trägt das Forum dieses Jahr die Überschrift „Geist des Dialogs“ („Spirit of Dialogue“). Sowieso versteht es sich als globaler runder Tisch, an dem gleichberechtigte Diskussionen stattfinden, um den „Zustand der Welt zu verbessern“. Auch ein paar Linke und Ökologen werden eingeladen und dürfen mitmachen. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, produziert das Treffen in den Bergen meist keine konkreten, einflussreichen Initiativen. Trotzdem kommen Hunderte Vorstandsvorsitzende. Getragen wird das WEF von den größten Konzernen der Welt, als deren Lobbyorganisation es auch wirkt.

Zum ersten Mal seit Anfang der 1970er-Jahre findet der Kongress diesmal ohne seinen Erfinder Klaus Schwab statt. Der gebürtige Ravensburger taucht in der Liste der aktiven Führungsfiguren nicht mehr auf, nur als „Gründer“ ist er noch verzeichnet. Anschuldigungen wegen vermeintlichen finanziellen und organisatorischen Missverhaltens, die offenbar wenig Substanz hatten, nutzten jüngere Leute aus, um Schwab hinauszudrängen. Er hatte seinen Abschied verzögert, obwohl er schon 87 Jahre alt ist.

  • informationsspiegel

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