„Was ihr wollt“ Im RambaZamba-Theater: Therapie für Liebeskranke

Zack! Und Viola hat sich in ihren Arbeitgeber Herzog Orsino verliebt. Mit der Tatsache, dass der Cis-Mann nur Männer einstellte, ging Viola pragmatisch-kreativ um: Sie verwandelte sich in Cesario, und das zwischenmenschliche Chaos nahm seinen Lauf. Viola liebt also Orsino, der sie als Cesario zu der von ihm angebeteten Gräfin Olivia schickt. Die sieht Cesario und verknallt sich sofort in ihn. Ihr Verwalter Malvolio wiederum dreht komplett durch, als er denkt, seine Arbeitgeberin himmelt ihn an.

Mehr als vierhundert Jahre hat Shakespeares Evergreen „Was ihr wollt“ auf dem Buckel, da kommt das inklusive Berliner RambaZamba Theater und verpasst ihm eine Sauerstoff-Intensiv-Kur. Große Gefühle entstehen hier während eines Wimpernschlags. Zwischenmenschliche Begegnungen kochen sofort auf höchster Flamme. Und daneben hat man immer noch eine Minute für einen reflexiven Blick auf die eigene Gefühlslage.

Regisseurin Sarah Kurze baut eine Liebesgöttin ein, die das emotionale Durcheinander entspannt im Blick hat und immer mal wieder sachte ordnend eingreift, bis sich das Gefühlsknäuel endgültig entwirrt. Lioba Breitsprecher umgibt ein Herz-Heiligenschein, sie thront als Göttin in einer durchsichtigen Plexiglas-Muschel. Streckt sie ihre Hände nach vorne, aktiviert sie ihr unsichtbares Seil und zieht das Bodenpersonal regelmäßig aus der Bredouille.

&#xE80F

Große Gefühle entstehen hier während eines Wimpernschlags

Der Thron ist direkt hinter dem Eingang des RambaZamba-Studios aufgebaut, auf der anderen Seite der Bühne verkörpert ein Muschelbrunnen Illyrien. Daneben stehen ein Ausschank und eine Bierbank. Da halten sich Olivias Onkel Sir Toby, sein Kumpel Sir Andrew und Olivias Narr Feste gerne auf. Sie preisen das Leben im Alkohol und sprechen über handfeste irdische Interessen: eine Heirat Sir Andrews mit der finanziell potenten Olivia. Sascha Pertel, Tobias Kressmann und der aus dem Deutschen Theater geliehene Elias Ahrens sind genial als versoffen-geerdetes Trio. Völlig unbeeindruckt von dem emotionalen Wirrwarr vor ihrer Wirtshausbank lassen sie ihre Ein-Liter-Biermaß gegeneinanderkrachen, bis sie das so beflügelt, dass sie im Biertisch das einzig wahre Percussion-Instrument erkennen und losjammen.

Zur gleichen Zeit befreit sich Nele Winklers Olivia aus ihrem Kokon aus Schüchternheit und Trauer. Winkler erschafft mit ihren knallroten Ballerinas, die wie eine Ampel durch die Szenerie trippeln, ihre eigene Zeiteinheit. Eva Fuchs’ Zofe Maria mischt alle auf – wie ein von der Tarantel gestochenes Fräulein Rottenmeier rast sie über die Bühne. Dagegen ist Juliane Götzes Viola von einer unzerstörbaren Seriosität. Das wahre Epizentrum aber ist Jonas Sippel als Malvolio. Wenn er die Bühne entert, ist das wie ein Erdbeben und wie ein Fels steht er da in der von ihm hervorgerufenen Brandung. Von seiner Warte aus ist sein Malvolio das Zentrum Illyriens. Und genau so macht er seine Ansagen.

Als Sippel/Malvolio mit dem an ihn gerichteten falschen Liebesbrief an die Öffentlichkeit geht, zeigt er beeindruckendes Format. Sein angeklebter Gamsbart und der schwarz-weiße Umhang mit Rüschen sind von einem seltenen Charme, wie das gesamte Kostümbild von Vanessa Vadineanu. Im Zusammenspiel mit Kurzes szenischem Humor und einem witzig-sphärischen Klangteppich (Musik: Stasys Musial) schwebt der 90-Minuten-Shakespeare von Anfang an auf einer Gut-Wetter-Wolke. Beim Zuschauen wird einem so federleicht wie selten. Theater als Therapie: hier für alle Liebeskranken.

  • informationsspiegel

    Related Posts

    Frauenrechte in Afghanistan: Rettet die Telekom afghanische Frauen?
    • May 21, 2026

    Das Taliban-Regime legalisiert Kinderehen und macht Scheidungen fast unmöglich. Wie sich Frauen organisieren und wehren, erzählt Afghanistan-Experte Ruttig. mehr…

    Weiterlesen
    Videospiele im Kino: Zusammen Kolonialismus aufarbeiten
    • May 21, 2026

    Ein Kino in Moabit bringt Videospiele auf die Leinwand. Dieses Mal ging es um das Spiel „Relooted“, bei dem afrikanische Raubkunst zurückgeholt wird. mehr…

    Weiterlesen

    Nicht verpassen

    Frauenrechte in Afghanistan: Rettet die Telekom afghanische Frauen?

    • 10 views
    Frauenrechte in Afghanistan: Rettet die Telekom afghanische Frauen?

    Videospiele im Kino: Zusammen Kolonialismus aufarbeiten

    • 8 views
    Videospiele im Kino: Zusammen Kolonialismus aufarbeiten

    Erfahrung einer Journalistin vom ESC: Wie mich der Eurovision Song Contest kaufen wollte

    • 9 views
    Erfahrung einer Journalistin vom ESC: Wie mich der Eurovision Song Contest kaufen wollte

    Ebola-Erkrankter in der Charité: Die Seuchen-Selektion

    • 8 views
    Ebola-Erkrankter in der Charité: Die Seuchen-Selektion

    Studie zu Reform der EU-Agrarzahlungen: Agrarbetrieben im Osten droht Verlust hoher Subventionen

    • 8 views
    Studie zu Reform der EU-Agrarzahlungen: Agrarbetrieben im Osten droht Verlust hoher Subventionen

    Re:­c­laim statt Re:­pu­bli­ca: Alternative Konferenz für mehr Solidarität in den Medien

    • 10 views
    Re:­c­laim statt Re:­pu­bli­ca: Alternative Konferenz für mehr Solidarität in den Medien