Weitere Straßen für Helmut Kohl: Muss das sein?

In Berlin und Ludwigshafen will man Straßen nach Helmut Kohl benennen, andernorts gibt es das bereits. „Wermut Wer?“, fragen nun viele, „den kennt doch nicht einmal Markus Söders Tochter.“

Doch für die Jüngeren sei hier erklärt: In uralter Zeit, als die Menschen noch glücklich waren, herrschte über die BRD viele Jahre ein Bundeskanzler mit dem schönen Namen Helmut Kohl (CDU). Der Mann ist tot. Nun soll der bei sämtlichen Weltenbürgern äußerst beliebte Pfälzer geehrt werden.

In Ludwigshafen soll besagte Straße, so Gott will, im Jahr 2032 fertig sein. Sie befindet sich noch in der Planung. In Berlin wird es schneller gehen, da die entsprechende Straße bereits vorhanden ist: Die jetzige Hofjägerallee, eine sechsspurige Hauptverkehrsschneise, die durch den Tiergarten zum Großen Stern mit der Siegessäule führt.

„Eine große Straße für einen großen Mann“, kündigte Kai Wegner (CDU) die Ehrung an. Der Berliner Bürgermeister hat Humor, hätte man in diesem Zusammenhang doch bei „groß“ eher an eine übertragene Bedeutung wie „rechtschaffen“, „fortschrittlich“ oder „verdienstvoll“ gedacht. Und nicht an einen klobigen Riesen, der einst alles zertrampelte, was sich ihm in den Weg stellte, den „Elefant aus Oggersheim“, einem Stadtteil von Ludwigshafen.

Eine bessere Wahl als die Hofjägerallee wäre jedoch, sowohl von der Größe als auch ihrer brutalistischen Ästhetik her, der neueröffnete Appendix der Berliner Stadtautobahn BAB 100: breit, laut, und auch der notorische Stau am Ende gemahnt an den von Kohl mitzuverantwortenden jahrzehntelangen Reformstau. Überdies spielt der sinnlose Autobahnabschnitt elegant auf immense Geldflüsse an, von denen keiner mehr weiß, von wem an wen, warum und wofür – eine feine Reminiszenz an Kohls Parteispendenaffäre.

Apropos Geld: Da die neue Helmut-Kohl-Allee in Ludwigshafen erst gebaut und dazu eine alte Hochstraße abgerissen werden muss (Gesamtkosten eine knappe halbe Milliarde Euro), würde sich der Exkanzler von seiner Heimatstadt sicher mehr gewürdigt fühlen. Schließlich müssen in Berlin nur ein paar schäbige Straßenschilder um­gepinselt werden. Aber mit der Hauptstadt soll der zu Ehrende ohnehin nie besonders warm geworden sein.

Immerhin hat man den Straßennamen keiner bestimmten Persönlichkeit weggenommen, sondern nur den wechselnden Hofjägern des preußischen Königs, die dort ihr Häuschen hatten. Fast schon überraschend, angesichts eines Zeitgeists, der allzu gern antifaschistische Spuren aus dem Stadtbild tilgen würde. Denn da ließen sich jetzt doch prima zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: politisch korrekte Umbenennungen canceln und dann durch Helmut Kohl ersetzen.

  • informationsspiegel

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