Welthungerhilfe über Erdbeben in Myanmar: „Dort überschneiden sich zwei Krisen“

taz: Wie ist die humanitäre Lage ein Jahr nach dem Erdbeben im Zentrum des Landes?

Henry Braun: Viele Betroffene haben noch nicht in ein stabiles Alltagsleben zurückgefunden. Während einige ihre Häuser teilweise reparieren oder wieder aufbauen konnten, leben andere weiter in beschädigten oder provisorischen Unterkünften. Dass dazu keine verlässlichen Zahlen vorliegen, hängt auch mit der politischen und administrativen Fragmentierung des Landes zusammen.

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Erdbeben der Stärke 7,7

Am 28. März 2025 um 12.50 Uhr Ortszeit erschütterte ein schweres Erdbeben das Zentrum von Myanmar. Das Epizentrum lag in der zum Teil umkämpften Region Sagaing nahe Mandalay, der zweitgrößten Stadt des Landes. Schätzungen zufolge starben durch das Beben unmittelbar 5.300 Menschen, 11.400 wurden verletzt, Hunderte weitere vermisst. Die gegen die gegen seit 2021 herrschende Militärjunta kämpfenden Rebellenorganisationen erklärten sofort eine Waffenruhe, die Junta gab erst einige Tage später dem internationalen Druck dazu nach, während sie mit ihrer Luftwaffe weiter mutmaßliche Rebellengebiete bombardieren ließ. Immerhin räumte sie mit ihrem Ruf nach internationaler Hilfe sofort ein, mit der Katastrophe überfordert zu sein. HAN

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In vielen Gebieten ist die Datenerhebung unter Bürgerkriegsbedingungen nur eingeschränkt möglich. Zugleich hat die geringe internationale Aufmerksamkeit für Myanmar dazu beigetragen, dass nicht überall so geholfen werden konnte, wie es nötig gewesen wäre. Insgesamt ist der humanitäre Bedarf weiter hoch, vor allem in Gebieten, die von bewaffneten Konflikten betroffen sind. Landesweit leiden 12,4 Millionen Menschen unter Ernährungsunsicherheit. 8,5 Millionen sind auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen.

taz: Wo sehen Sie Erfolge, wo Defizite beim Wiederaufbau?

Henry Braun: Im Jahr nach dem Beben konnten die Welthungerhilfe und anderen Organisationen 1,7 Millionen Menschen mit lebensrettender Hilfe erreichen. Doch kommt der Wiederaufbau nur schleppend und ungleichmäßig voran. Viele Familien müssen mehrere Belastungen tragen. Sie haben Einkommensquellen verloren, etwa weil Ernten, Werkzeuge, kleine Geschäfte oder Gelegenheitsarbeit weggefallen sind. Zugleich müssen sie ihre Häuser reparieren oder neu bauen, Haushaltsgegenstände ersetzen und den täglichen Bedarf ihrer Familien decken. Das heißt, mit weniger Einkommen höhere Ausgaben zu stemmen.

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Myanmar

Im südostasiatischen Myanmar hat der Militärputsch vom 1. Februar 2021 den demokratischen Reformprozess abrupt beendet. Seitdem kämpfen pro-demokratische Oppositionsgruppen gegen die russisch unterstützte Junta.

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taz: Im Gegensatz zur Zyklon-Katastrophe 2008 hat die Junta 2025 schnell zu internationaler Hilfe aufgerufen und sogar einen Waffenstillstand erklärt. Was hat das bewirkt?

Henry Braun: Die anfängliche Öffnung nach dem Beben hat schnelle Nothilfe ermöglicht. Für den längerfristigen Wiederaufbau bleiben die Hindernisse aber groß. Dazu gehören vor allem der anhaltende Konflikt, begrenzte internationale Finanzierung, zerstörte oder unsichere Verkehrswege, Treibstoffknappheit und starke Preissteigerungen. All das erschwert nicht nur den Wiederaufbau, sondern auch die Versorgung und Mobilität im Alltag.



Bild: Deutsche Welthungerhilfe

Im Interview: Henry Braun

arbeitet seit 2016 im Bereich humanitäre Hilfe in Myanmar, seit Juni 2024 leitet er das Landesbüro der Deutschen Welthungerhilfe in Yangon. Zuvor arbeitete er in Laos, Thailand und Papua-Neuguinea.

taz: Wie wirkt sich der Bürgerkrieg auf Ihre Arbeit aus?

Henry Braun: Er wirkt sich direkt auf unseren Zugang und die Art der Hilfe aus. Wo bewaffnete Kämpfe stattfinden, Straßen unsicher sind oder Luftangriffe und Beschuss drohen, können wir nicht einfach Teams hineinschicken. Das betrifft direkt die Versorgung der Menschen etwa mit Lebensmitteln, Trinkwasser oder mobiler Hilfe. Dies erfordert sorgfältige Koordination und Einbindung lokaler Netzwerke.

Können Sie in Gebieten unter Kontrolle des Militärs und der Rebellen gleichermaßen helfen?

Humanitäre Hilfe sollte sich am Prinzip der Neutralität orientieren, also dass wir Menschen allein auf Grundlage ihrer Not erreichen wollen. Doch haben wir es in Myanmar nicht mit einer klaren Frontlinie zwischen zwei Konfliktparteien zu tun, sondern es gibt viele unterschiedliche bewaffnete Akteure, lokale Machtverhältnisse und ständig wechselnde Einflusszonen. Manche Gebiete stehen unter der klaren Kontrolle einer Gruppe, andere sind umkämpft, wieder andere weitgehend abgeschottet oder nur über lokale Vereinbarungen zugänglich.

Deshalb braucht jeder Einsatzort eine genaue Kontextanalyse und einen eigenen Hilfsansatz. Der Zugang ist nicht überall gleich möglich. In Einzelfällen mussten Aktivitäten verschoben, angepasst oder über andere, sicher erreichbare Orte organisiert werden. Wir stimmen uns dann mit anderen Organisationen ab, damit verfügbare Hilfsgüter möglichst dort eingesetzt werden, wo der Bedarf ebenfalls hoch und Hilfe praktisch umsetzbar ist. Doch gibt es unter diesen Bedingungen auch immer unterversorgte Gemeinden.

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Die größte Herausforderung ist, dass der Bedarf sehr hoch ist, die Ressourcen aber begrenzt sind

taz: Wie gehen Sie damit um, dass es neben den laut UNHCR 17 Millionen Erdbebenbetroffenen auch 3,6 Millionen Binnenvertriebene gibt, die auch Hilfe benötigen?

Henry Braun: Wir machen grundsätzlich keinen Unterschied zwischen Erdbebenopfern und Menschen, die durch den Bürgerkrieg in Not geraten sind. In Myanmar überschneiden sich diese Krisen. Deshalb priorisieren wir nicht nach starren Kategorien, sondern nach Verwundbarkeit, Dringlichkeit und Unterstützungsbedarf. Die größte Herausforderung ist, dass der Bedarf sehr hoch ist, die Ressourcen aber begrenzt sind.

taz: Wie wirken sich die derzeitigen Kriege und Krisen in Nahost, der Ukraine und Sudan auf die humanitäre Hilfe für Myanmar aus?

Henry Braun: Die größten Auswirkungen sind indirekt. Die Krisen in der Ukraine und in Sudan binden sehr große humanitäre Budgets und politische Aufmerksamkeit, die Eskalation in Nahost erhöht jetzt auch noch Betriebskosten, Treibstoffpreise und verschärft die Risiken in den Lieferketten. Für Myanmar heißt das: weniger planbare Mittel, mehr Priorisierung, teurere Umsetzung und – international weniger Beachtung, obwohl der Bedarf weiter sehr hoch ist. Oft wird Hilfe international jetzt stärker nach politischen Prioritäten verteilt.

  • informationsspiegel

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