
Es ist das erste Mal seit acht Jahren, dass ein britischer Premier in Peking aufschlägt. Und Keir Starmer hat nicht nur eine riesige Wirtschaftsdelegation mit dabei, sondern auch äußerst wohlklingende Worte für seinen Gastgeber parat: „Ich habe stets klar gesagt, dass das Vereinigte Königreich und China eine langfristige, konsistente und umfassende strategische Partnerschaft benötigen“, sagte Starmer am Donnerstag nach seinem Treffen mit Xi Jinping.
Und mit dieser Botschaft steht der Vorsitzende der Labour Party nicht alleine da. Tatsächlich stehen dieser Tage westliche Regierungschefs regelrecht Schlange, um in der Großen Halle des Volkes eine Audienz beim chinesischen Parteichef zu ergattern – und das, obwohl die Liste an Konfliktthemen mit der Volksrepublik keineswegs kleiner wird.
Aus der Vogelperspektive betrachtet vollzieht sich hier ein geopolitischer Paradigmenwechsel im Zeitraffer: Traditionelle US-Alliierte, die noch vor Kurzem ihre transatlantischen Verpflichtungen betont hatten, suchen nun eine Äquidistanz zu China.
Keinerlei chinesisches Entgegenkommen nötig
Das Erstaunliche an dieser Entwicklung ist, dass sich die Volksrepublik für diese diplomatische Glückssträhne bei den entscheidenden Streitthemen keinen Zentimeter rühren musste. Peking tritt weiterhin genauso dominant auf der internationalen Bühne auf wie zuvor, bietet keine Verbesserungen in Richtung fairen Wettbewerbs an und verbittet sich nach wie vor jegliche Kritik an Menschenrechtsfragen.
Dass in nur wenigen Wochen Emmanuel Macron (Frankreich), Micheál Martin (Irland) und Alexander Stubb (Finnland) in die chinesische Hauptstadt reisten, deutet man in Peking als pragmatisches Eingeständnis, dass es eben nicht ohne die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt geht.
Pekings größter Coup im Januar kam aus Nordamerika: Der kanadische Premier Mark Carney versprach einen diplomatischen Neustart mit China – vor wenigen Jahren, als der chinesische Sicherheitsapparat die zwei Kanadier Michael Spavor und Michael Kovrig wegen eines politischen Streitfalls unter angeblichen Spionagevorwürfen ins Gefängnis steckte, wäre dies noch unvorstellbar gewesen.
Donald Trump treibt Staatschefs nach Peking
Zu verdanken hat Xi Jinping dies einzig seinem vermeintlich größten Widersacher. „Glückwunsch an die Trump-Regierung, dass sie Großbritannien, Kanada, Australien und andere in die Arme Pekings getrieben hat“, schreibt etwa der China-Experte Scott Kennedy von der Washingtoner Denkfabrik Center for Strategic and International Studies. Damit seien nun die Chancen endgültig vorbei, China im Ernstfall auf der internationalen Bühne isolieren zu können.
„Peking macht sein Angebot weder attraktiver noch wird es weniger aggressiv. Es präsentiert allerdings eine vorhersehbare Alternative“, argumentiert Ryan Hass von der Washingtoner Denkfabrik Brookings Institution: „Ich erwarte zwar nicht, dass sich die US-Alliierten Peking annähern; sehr wohl jedoch, dass sie in den kommenden Jahren ein neues Gleichgewicht zwischen den USA und China finden werden.“ Anders ausgedrückt: Auch wenn wohl nur die wenigsten Politiker in Europa ein naives Bild von China haben, wissen sie bei Peking doch zumindest, woran sie sind. Trump hingegen ist auch nach einem Jahr in seiner zweiten Amtszeit völlig unberechenbar.
Ausländische Investitionen in China
Der geopolitische Seitenwechsel schlägt sich durchaus auch in wirtschaftlichen Zahlen nieder. Während Starmers Peking-Besuch hat der britische Pharmariese AstraZeneca für die kommenden Jahre Investitionen in Höhe von 15 Milliarden Dollar in China angekündigt, um die Produktion von Medikamenten sowie die Forschung im Reich der Mitte deutlich auszubauen.
Zudem sind auch die Investitionen deutscher Firmen in der Volksrepublik 2025 um über 50 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum gestiegen. „Anstatt Risiken zu minimieren, setzen deutsche Unternehmen in China noch stärker auf Wachstum. Das wird alles in Tränen enden“, kritisiert der China-Experte Andreas Fulda von der University of Nottingham.
Auch Friedrich Merz bald in Peking
Ob es auch zu einer politischen Annäherung zwischen Berlin und Peking kommt, wird sich zeigen. Noch ist kein offizieller Termin für Friedrich Merz’ Antrittsreise nach China bekanntgegeben, aber dem Vernehmen nach soll es Ende Februar so weit sein.
Der deutsche Kanzler hat früher als Transatlantiker der alten Schule stets ein kritisches Bewusstsein für die systemischen Herausforderungen Chinas an den Tag gelegt. Zuletzt sprach er beim Weltwirtschaftsforum in Davos davon, dass drei Entwicklungen die internationale Weltordnung nachhaltig verändert haben: der russische Krieg gegen die Ukraine, die strategische Neuausrichtung der USA unter Donald Trump – und der Aufstieg Chinas zur Weltmacht.
Welche Schlussfolgerungen Merz aus letzterem ziehen wird, ist noch offen. Dass die schwarz-rote Koalition zu einer Merkel’schen China-Politik zurückkehren wird, welche die Unternehmensinteressen priorisiert, ohne geopolitische Risiken abzuwägen, scheint zwar ausgeschlossen. Gleichwohl ist klar: Wenn nicht nur China ein „systemischer Rivale“ ist, wie es im Koalitionsvertrag ausdrücklich heißt, sondern sich auch Donald Trump zunehmend feindlich gegenüber Europa verhält, dann dürften die realpolitischen Verhältnisse wohl eine gewisse Annäherung de facto erzwingen.







