W olhynien, im Nordwesten der Ukraine, ist eine wald- und wasserreiche Gegend, vor allem an der Grenze zu Belarus. Kurz vor Beginn des russischen Großangriffs habe ich dort auf dem Pripjat eine zweitägige Kajaktour unternommen. In den vergangenen Jahren haben sich selbst abgelegenste Gegenden der Ukraine schnell verändert, aber dort bewegten sich Einheimische noch immer in länglichen Booten fort, ganz wie die Gondolieri in Venedig.
Fünf Jahre später kam ich wieder in die Region, diesmal zu einem Treffen mit ukrainischen Grenzbeamten. Dabei musste ich unwillkürlich an damals denken – und bemerkte die Veränderungen. Zwar sind die russischen Truppen, die im Februar 2022 aus Belarus in die Ukraine kamen, sofort in Richtung Kyjiw weiter gezogen. Trotzdem spüren die Einheimischen die ständige Bedrohung durch ihre Nachbarn im Norden.
über leben
Für die Menschen in der Ukraine ist der Krieg zum Alltag geworden. Trotz der Todesangst vor Luftangriffen und Kämpfen geht das Leben weiter: Die Menschen gehen zur Arbeit, zur Schule und zur Uni. Sie lieben, lachen, heiraten, bekommen Kinder, machen Urlaub. Sie trauern, sorgen sich – und hoffen auf Frieden. ➝ zur Kolumne
An der Grenze, an der die zwei Länder früher nur durch einen schmalen Sandstreifen getrennt waren, steht jetzt eine stacheldrahtbewehrte Betonmauer. Daneben sind noch Panzergräben und Panzerabwehr-Igel.
Die Grenzschützer haben viel getan, um den Belarussen zu zeigen, dass Angriffsversuche – mit Blick auf Alexander Lukaschenkos Aufrüstungsprogramm ein Risiko, vor dem gewarnt wird – kein Spaziergang würden. Dazu trägt auch die Natur bei: früher Touristenmagnet und auch heute noch wichtige Einnahmequelle für die Menschen vor Ort. „Ein Drittel der Grenze in unserer Region besteht aus Sümpfen und Flüssen“, erklärt Marharyta, eine Vertreterin der Grenzschutzbehörde.
Während früher die Einheimischen beim Suchen von Pilzen oder dem Sammeln von Beeren bis direkt an die Grenze herangehen konnten, ist das heute unmöglich geworden. Tafeln warnen vor Minen.
Seit dem 24. Februar 2022 gibt es auch keinen grenzüberschreitenden Autoverkehr mehr, die Übergänge sind geschlossen. Das hat berufliche, wirtschaftliche und familiäre Verbindungen unterbrochen.
Foto: Rostyslav Averchuk
„Ich will sie nicht mal mehr sehen“, sagt einer der Grenzschützer über seine belarussischen Kollegen, die er durch lange gemeinsame Arbeitsjahre gut kannte. Sie hatten noch versucht, mit den Ukrainern zu sprechen, nachdem sie ihr Versprechen gebrochen hatten, eine Invasion von belarussischem Territorium aus zu verhindern.
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Familiäre Verbindungen unterbrochen
Die 56-jährige Nina zeigt auf ihr Handy: „Das ist die einzige Möglichkeit, mit meinen drei Schwestern zu sprechen, die in Belarus leben“, sagt die Frau, die in einem kleinen Dorfladen als Verkäuferin arbeitet. Fast alle Menschen in ihrem Dorf mit den traditionell blau gestrichenen Holzhäusern haben Angehörige in Belarus. Und die meisten von ihnen haben diese seit Jahren nicht mehr gesehen. Denn die Reise ins Nachbarland ist zu riskant und teuer.
„Früher war der Ort hier mal voller Belarussen“, sagt der 74-jährige Petro, sichtbar erfreut über die Möglichkeit zur Plauderei. Vor dem Krieg war das Dorf ein Zwischenstopp für Belarussen, die in der Ukraine günstig einkauften. Und für die Ukrainer, die zum Arbeiten nach Belarus fuhren. Heute fahren nur noch gelegentlich kleine Trecker durch den Ort, mit denen die Einheimischen Beeren aus den umliegenden Wäldern transportieren.
Kamikaze-Drohnen in nächster Nähe
Die Bedrohung und die Nachrichten über die Folgen russischer Angriffe halten alle in Atem. „Kaum hatte ich die Explosion gehört, saß ich schon im Keller“, erzählt der 79-jährige Wolodymyr, dessen Sohn in Belarus arbeitet, über den jüngsten Überflug von Kamikaze-Drohnen ganz in der Nähe.
Trotzdem lächelt er und hofft, dass die Belarussen es nicht wagen, anzugreifen: „Es gibt solche unter ihnen, die gegen die Ukraine sind. Doch die meisten sind vernünftiger.“ Und die Leute aus dem Dorf glauben: „Wenn sie doch angreifen, werden sie nicht weit kommen. Das werden unsere Jungs nicht zulassen.“
Aus dem Ukrainischen Gaby Coldewey






