Lage im Libanon: Israel attackiert Bankgebäude der Hisbollah

Beirut taz | „Nichts außer Schäden“, beschreibt Ali, ein Anwohner in Südbeirut, was er am Morgen nach israelischen Luftangriffen in seiner Nachbarschaft sieht. Ein angegriffenes Bankgebäude sei komplett zerstört und benachbarte Gebäude beschädigt, sagte er der Nachrichtenagentur dpa. In Südbeirut, im Osten und Süden des Landes gab es in der Nacht auf Montag libanesischen Medien zufolge Dutzende israelische Luftangriffe, einige davon in der Nähe des Flughafens.

Die israelische Armee griff nach eigenen Angaben Gebäude der Qard al-Hasan an, eine Art Banksystem der Hisbollah, mit 31 Filialen und Geldautomaten. Qard al-Hasan ist ein islamisches Konzept, Geld ohne Zinsen zu verleihen. Die gleichnamige Organisation im Libanon wurde 1983 gegründet und vom Iran finanziell unterstützt, seit 1987 ist sie als NGO registriert. Heute finanziert sich die Organisation überwiegend durch die schiitische Gemeinschaft des Libanon und ist Teil der zivilen Organisationen der Hisbollah.

Durch die Registrierung als Wohltätigkeitsorganisation fällt Qard al-Hasan vollständig aus dem Bankensystem und untersteht nicht der Kontrolle der libanesischen Zentralbank. Sie kann die internationalen Vorschriften zum Verbot der Geldwäsche und der Terrorfinanzierung umgehen. Deshalb steht sie auf den Anti-Terror-Listen der USA. Ihre Banken bieten Mikrokredite gegen niedrige Garantien, wie eine Hypothek auf Goldschmuck. An ihren Geldautomaten können Angestellte der Hisbollah ihr Gehalt abheben.

Im Dezember 2020 veröffentlichte eine anonyme Hackergruppe Dokumente der Banken mit Kontodaten von fast 400.000 Kunden – libanesische Bürger, aber auch Hisbollah-Funktionäre und iranische Einrichtungen. Darunter waren Anleger*innen, denen Steuerhinterziehung oder Geldwäsche vorgeworfen wurde. Bekannte Banken im Libanon sollen den Leaks zufolge ebenfalls mit Qard al-Hasan zusammengearbeitet haben.

Israel gab Evakuierungsbefehle heraus

Am Sonntagabend hatte das israelische Militär angekündigt, Büros und Institutionen der Hisbollah anzugreifen, insbesondere Filialen von Qard al-Hasan und möglicherweise andere zivile Einrichtungen, da sie angeblich „zur Finanzierung terroristischer Aktivitäten“ genutzt werden. Innerhalb einer halben Stunde gab ein israelischer Armeesprecher 15 Evakuierungsbefehle heraus.

Amnesty International hat festgestellt, dass die Befehle häufig ungenau sind, oft nachts und nur online über die Plattform X verbreitet werden. Sie reichen nicht aus, um die Menschen vor einer Bombardierung zu warnen. Außerdem verbreiten sie Angst und Terror. Die Menschen bleiben nachts wach, um den Online-Kanal zu prüfen und zu sehen, ob sie fliehen müssen, oder ihre Wohnung bald nicht mehr steht.

„Die Angriffe zielen nicht auf die Finanzen der Hisbollah oder die Finanzierung durch den Iran, sondern auf die wirtschaftliche Lebensader von mehr als 300.000 Libanesen“, schrieb die Analystin Amal Saad auf X. Sie lehrt an der Universität Cardiff und hat viele Interviews mit Hisbollah-Funktionären geführt.

Durch die Finanz- und Wirtschaftskrise im Jahr 2019 haben die Menschen ihr Erspartes verloren. Banken zahlten Einlagen nicht aus, durch die Inflation verlor die lokale Währung rund 90 Prozent an Wert. Durch den Zusammenbruch des Bankensystems sei Qard al-Hasan unverzichtbar geworden, um Schulgebühren zu bezahlen, kleine Unternehmen zu finanzieren oder Solaranlagen zu installieren, sagt Saad.

Weitere israelische Angriffe

Die Angriffe seien eine Strategie Israels, „die ohnehin gefährdete und größtenteils vertriebene schiitische Gemeinschaft des Libanon weiter zu verarmen“. Die Bank bediene zudem alle religiösen Gemeinschaften. In Hadath, in Südbeirut, seien 30 bis 40 Prozent der Kun­d*in­nen christlich, in Sidon seien die meisten Nicht-Schiiten. Auch am Montag griffen israelische Kampfflugzeuge weiter Häuser im Libanon an.

Im Osten des Landes wurden zehn Orte bombardiert, berichtet die Zeitung L’Orient-Le Jour. In der Nähe der Stadt Saida wurde ein Café getroffen, drei wurden Zi­vi­lis­t*in­nen getötet und mindestens sieben verwundet. Israelische Bodentruppen führten ihre Invasion fort und rückten mit Panzern in das Grenzdorf Aita al-Shaab vor. Durch israelische Angriffe wurden seit Oktober 2023 libanesischen Behörden zufolge über 2.400 Menschen getötet.

  • informationsspiegel

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