ZDFneo-Serie „Hungry“: Die Angst vor der Pizza

Ronnie ist 17 Jahre alt, als ihre Mutter sie wegen Magersucht gegen ihren Willen in die Kinder- und Jugendpsychiatrie einweist. Was für Ronnie als Albtraum beginnt, entwickelt sich zum Schutzraum für besondere Freundschaften, bessere Tage und Heilung – so schwankend und unstet der Prozess auch aussehen mag.

Die autofiktionale Drama-Serie „Hungry“ der Drehbuchautorin Zoe Magdalena, die auch Ronnie verkörpert, ist in ihrer ungeschönten Ehrlichkeit rührend und relevant – und ein echter Gewinn im Jugendprogramm der Öffentlich-Rechtlichen.

Sie bietet Einblicke in den Therapiealltag von Pa­ti­en­t:in­nen mit Essstörung, besonders nachdrücklich sind dabei die Tischszenen: Die Unerbittlichkeit eines mit Sahnenudeln beladenen Tellers etwa und das obligatorische Dessert zu jeder Hauptmahlzeit werden so gekonnt inszeniert, dass die emotionale Überforderungsreaktion der Pa­ti­en­t:in­nen ins Zentrum des Geschehens rückt.

Eine triggerfreie Halloweenparty ist ziemlich schwierig

Das 30-minütige Sitzen vor einem Teller, der einfach nicht leerer werden will, wird zur dreimaligen Qual an jedem Tag in der Klinik, ein Pizzaessen zur angstauslösenden Not.

Die Serie

„Hungry“, 6 Folgen, zu sehen ab sofort in der ZDFneo-Mediathek

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Auch die Gesprächstherapiesitzungen mit der Therapeutin Frau Jakobsen (Minna Wündrich) wirken nach. Wenn Ronnie ihren Hüftumfang schätzen muss und ihn dann mit der Realität abgleicht.

Verschiedene psychische Erkrankungen treffen in der Klinik aufeinander – Nick (Alessandro Schuster) leidet zum Beispiel unter einer bipolaren Störung, Esta (Saron Degineh) unter Depressionen. Da wird eine triggerfreie Halloweenparty ziemlich schwierig, wenn Kostüme von Tod („wegen Suizid“) über Piraten („weil sie das R rollen“) bis hin zu Männern („muss ich jetzt nicht viel zu sagen“) vermieden werden müssen.

Billie Eilish spendet Trost

Voller Fingerspitzengefühl und Empathie hat Regisseurin Magdalena eine Figurenwelt erschaffen, die zwischen groteskem Humor, gegenseitiger Fürsorge, Wut auf das ­eigene Schicksal und Hoffnung auf die ­Zukunft ziemlich jugendlich ist. Mit allen Verwirrungen und Unsicherheiten, die diese Lebensphase bereithält.

Die Serie bedient nie das große Missverständnis rund um die Therapie psychischer Erkrankungen

Eine musikalische Einbettung in die vorwiegend weibliche Popkultur von Billie Eilish, Taylor Swift und Sabrina Carpenter trägt die Serie über die traurigsten Momente hinweg und verortet sie in der Jetztzeit. Dafür sorgen auch politische Witze der Gen Z und Verweise auf Pa­ti­en­t:in­nen wie Milan (Amadin Piatello), deren psychische Erkrankungen durch die Covidpandemie massiv verschlimmert wurden.

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Die mutige und sensible Serie ist dabei weder didaktisierend noch pseudojugendlich, sondern authentisch und intelligent. „Nicht pädagogisch, sondern echt und roh“, beschreibt Zoe Magdalena ihren Anspruch, und: „Ironischerweise hilft sie genau dadurch.“

Ein tägliches Ringen

Vor allem bedient die Serie nie das große Missverständnis rund um die Therapie psychischer Erkrankungen: Heilung wird in „Hungry“ nicht linear dargestellt und ist kein abschließbares Endziel. Sie ist stattdessen ein tägliches Ringen. Gerade in filmischer Darstellung ist doch normalerweise die Versuchung der steten Verbesserung mit einem Happy End groß.

„Hungry“ widersteht ihr und zeigt bis zum Ende alle Grautöne, die bestehen bleiben. Gesellschaftlich relevant ist das Thema derzeit mehr denn je: Bundesweit steigen die Zahlen von Essstörungen unter Jugendlichen, insgesamt sind rund 50.000 junge Menschen zwischen zwölf und siebzehn Jahren betroffen.

  • informationsspiegel

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