Schwierigkeiten der Kommunikation: Die Bedeutung von Zitronenglasur

V or einiger Zeit wollte ich in Montpellier gegrillten Fisch essen. Da viele Restaurants dort jedoch nur frittierten ­anbieten, frage ich mit meinem schlechten Französisch, bevor ich mich hinsetze. Der Kellner sagt „oui“ und zeigt auf eine Flasche Wein.

Aber ich will keinen Wein, ich will gegrillten Fisch. Der Kellner sagt „oui“, zeigt auf die Kühltheke. Der Zeigefinger wandert zu jedem einzelnen Fisch. „Und was passiert damit? Wird er gegrillt?“ Der Kellner zeigt auf eine Weinflasche, aber ich will keinen Wein, ich will Fisch.

Dann kommt ein Paar rein, sie sprechen Englisch. Ich frage sie nach gegrilltem Fisch. Sie schauen mich an, als hätte ich die komplizierteste Frage gestellt, die sie je gehört haben – und murmeln was von „allemand“. Beschämt gebe ich auf, zeige auf einen der teureren Fische. Ich will nach dem Trouble nicht auch noch geizig sein. Der Fisch ist am Ende frittiert. Um meinen Selbstwert zu schützen, verteile ich die Schuld auf die Umstände und die Sprach­barriere. Strange, wie das Fehlen einfacher Worte eine Kette von Missverständnissen auslöst. Wie Sprache Distanz schaffen kann.

Letzte Woche erlebte ich das Gegenteil. Ich spiele mit meiner vierjährigen Nichte Kindergeburtstag. Ein Stoffhund namens „Moddi“ (oder so) ist eingeladen und galoppiert wie ein Pferd über den Teppich. Meine Nichte setzt ihn zu einer Gruppe Lego-Menschen. Sie sitzen vor einem Heizungsrohr, das zuvor Schornstein war und jetzt ein Geburtstagskuchen ist. Drei Minuten später sind die Menschen Muffins, die braunen Haaere Schokoladen-, die gelben Haare Zitronenglasur.

„Brain Rot“ – klingt krass, hat wenig Substanz

Die Nichte fragt: „Was willst du für einen?“ Ich sage: „Den mit Zitrone.“ Wir lachen. Ich freue mich nicht nur im Spiel. Ich freue mich auch, dass meine Nichte sich freut, dass ich mit ihr spiele, und darüber, dass sie sich auch im Spiel darüber freut, dass ich mich im Spiel freue. So zu leben, das wäre es. Mit einer Sprache spielen, die noch nicht von Wirklichkeit verstellt ist – in der jedes Ding jedes Wort sein kann. Wobei ich jetzt ungern Fisch aus Lego gegessen hätte.

Doch Sprache kann auch lähmen statt verbinden. So wie der Begriff „Brain Rot“ (Hirnfäule), das neue Oxford-Wort des Jahres 2024. Es beschreibt digitale Erschöpfung. Wir können jetzt immer „Brain Rot“ sagen, wenn wir zu viel gescrollt haben. Haha, voll edgy. Doch ist es nicht so, dass die Beschreibung der Welt sie immer auch mitproduziert? Das Internet macht dumm? O. k., bin ich halt dumm. Praktisch für die, die es kontrollieren: Ein verfaultes Hirn stellt weder die Plattformen noch sich selbst infrage.

Der Philosoph Franco „Bifo“ Berardi prägte den Begriff „Semio-Inflation“. Konventionelle Inflation ist, wenn du mehr Geld brauchst, um weniger zu kaufen. Semio-Inflation ist, wenn du mehr Informationen brauchst, um noch eine minimale Bedeutung zu erhalten. Worte wie „Brain Rot“ klingen krass, haben jedoch wenig Substanz. In der digitalen Welt überfluten mich Zeichen bis zur Erschöpfung.

Im Restaurant scheitert Kommunikation an einer Fülle von Zeichen, die auf nichts verweisen. Die Nichte zeigt, wie improvisierte Zeichen Welten erschaffen. Wie wäre es, nicht nur neue Wörter zu erfinden, sondern auch neue Bedeutungen? Meine Nichte würde zustimmen. Ein Legostein ist ein Mensch ist ein Muffin mit Zitronenglasur.

  • informationsspiegel

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