Verhafteter schwedischer Journalist: In Erdoğans Türkei sind Fakten eine Beleidigung

In der Türkei, Platz 157 auf der Rangliste der Pressefreiheit, sitzt ein Journalist im Knast, dessen Land den dritten Platz derselben Liste belegt: Schweden. Was Joakim Medin vorgeworfen wurde, erfuhr er bei seiner Festnahme zunächst nicht. Dann erklärte die türkische Regierung, es gehe um Präsidentenbeleidigung und Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung.

„Das ist natürlich falsch“, sagt Andreas Gustavsson, Chefredakteur von Dagens ETC – dem Medium, das Medin zum Berichten nach Istanbul schickte. Seit Beginn der Proteste gegen die Inhaftierung des Erdoğan-Konkurrenten İmamoğlu sind bislang an die 1.900 Menschen festgenommen worden – unter ihnen auch Journalisten.

Die Nachrichtenagentur AFP berichtete, dass einer ihrer Fotojournalisten verhaftet worden sei. Des Weiteren sollen sechs Journalisten und Fotografen in Haft sein, wie MLSA mitteilte, eine NGO, die die Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit im Land beobachtet. Dann wurde der BBC-Korrespondent Mark Lowen des Landes verwiesen. Nach fünf Jahren in der Türkei wurde ihm vor einigen Tagen ein Bescheid vorgelegt, dass er wegen „Gefährdung der öffentlichen Ordnung“ abgeschoben werde.

Die Türkei-Direktorin von Human Rights Watch, Emma Sinclair-Webb, sagte der BBC, sie sei schockiert über die Abschiebung. „Dies ist eine Botschaft an den Rest der internationalen Medien, dass die Türkei nicht dulden wird, dass über Dinge berichtet wird, die die Welt nicht sehen soll“, sagte sie. Und sie behielt Recht.

Zum Kopfschütteln

Seit der Niederschlagung des Putschversuchs 2016 geht die türkische Regierung hart gegen Journalisten vor. Einige müssen langjährige Haftstrafen absitzen, andere warten jahrelang auf Urteile. Ausländische Korrespondenten warten laut Reporter ohne Grenzen monatelang auf die Verlängerung von Akkreditierungen. Nach den Wahlen 2023, die Erdoğan gewann, wurden Dutzende kurdische Journalisten verhaftet.

Nun schreckt das Erdoğan-Regime nicht mal mehr davor zurück, ausländische Journalisten festzusetzen, basierend auf Behauptungen, die zum Kopfschütteln sind. Denn die Verhaftung Medins steht im Zusammenhang mit einer Erdoğan-Puppe, die im Januar 2023 vom Rathaus in Stockholm von einer PKK-Aktivisten-Gruppe aufgehängt wurde. Angeblich soll Medin daran beteiligt gewesen sein, stichfeste Beweise legte die Türkei jedoch nicht vor.

Schwedens Außenministerin Maria Malmer Stenergard sagte, dass der Fall „für die Regierung höchste Priorität“ habe. Die Redaktion von Dagens ETC hofft, dass Stenergard beim Nato-Außenministertreffen in Brüssel am Donnerstag mit ihrem türkischen Amtskollegen über die Festnahme Medins sprechen wird.

Rojavakommittéerna, die Gruppe, die den kurdischen Protest organisiert hatte, bestreitet, dass Medin beteiligt war: „Wir möchten klarstellen, dass Joakim Medin kein Mitglied der Roja-Komitees ist und auch nie war“, schrieben sie an die schwedische Zeitung Aftonbladet. Das einzige, was ihm „nachzuweisen“ ist? In seinem neuesten, im Jahr 2023 erschienenen Buch, interviewte er eine Person, die bei der Aktion dabei war. Auf der Website von Dagens ETC schreibt Chefredakteur Gustavsson: „Joakim ist Journalist. Er berichtet und analysiert. Er ist natürlich kein Mitglied der PKK oder einer anderen Gruppe. Er näht keine Erdoğan-Puppen. Er beleidigt niemanden. Journalismus ist kein Verbrechen. Fakten sind keine Beleidigung.“

  • informationsspiegel

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