Spannungen mit Pakistan: Indien probt den Ernstfall

Mumbai taz | Simulierte Luftangriffe, Evakuierungen und Stromausfälle können am Mittwoch landesweit Millionen von In­de­r:in­nen erwarten. „In einer solchen Situation, in der die Streitkräfte auf alle Eventualitäten vorbereitet sind, muss auch die Bevölkerung vorbereitet sein“, erklärte ein Reporter auf NDTV. Er warnte vor dem noch Unbekannten. Doch es läuft auf eine Machtdemonstration gegenüber Pakistan hinaus.

Am Montag forderte Indiens Innenministerium alle Unionsstaaten und -territorien auf, Sicherheitsprüfungen durchzuführen. Ziel ist es, die Reaktion auf „neue und komplexe Bedrohungen“ zu testen. Eine vergleichbare Zivilschutzübung gab es zuletzt 1971, vor dem Dritten Indisch-Pakistanischen Krieg.

Angesichts wachsender Spannungen mit Pakistan will Indien seine Bevölkerung auf den Ernstfall vorbereiten. Der andauernde Konflikt zwischen den beiden Atommächten eskalierte mit einem Terroranschlag am 22. April im indischen Teil Kaschmirs, bei dem 26 männ­liche Touristen erschossen wurden.

Neu-Delhi bereitet seither eine scharfe Antwort an Islamabad vor, dem es vorwirft, über seinen Militärgeheimdienst ISI in den Anschlag verwickelt zu sein. Laut Polizei wurden seitdem 90 Einheimische nach einem Gesetz zur öffentlichen Sicherheit inhaftiert und 2.800 Personen verhört oder festgenommen.

Professorin: „Die Bevölkerung wird am stärksten leiden“

Die britisch-indische Professorin Nitasha Kaul von der Universität Westminster sieht ­Delhis Reaktion weder als zurückhaltend noch als deeskalierend an. Vielmehr sei es eine Bestandsaufnahme: Letztlich werde „die Zivilbevölkerung in Kaschmir, aber auch in anderen Teilen Indiens sowie Pakistans am stärksten davon betroffen sein“, sagte sie der taz. Unterdessen gehen die Provokationen weiter.

Pakistan testete am Montag eine zweite Bodenrakete mit einer Reichweite von 120 Kilometern, nachdem es schon am Samstag einen Test durchgeführt hatte. Premier Shehbaz Sharif erklärte die Landesverteidigung daraufhin für gesichert. Indische Medien berichteten von Cyberangriffen pakistanischer Hacker auf militärnahe Websites.

Am Wochenende stoppte Indien den Wasserfluss des Indus-Nebenflusses Chenab durch den Baglihar-Damm fast vollständig. Damit setzte Delhi wie angekündigt das jahrzehnte­alte Wasserabkommen zum Indus aus, der in Richtung Pakistan fließt.

Ähnliches plant Indien für den Chenab-Nebenfluss Jhelam. Noch im April hatte Indiens Wasserminister Chandrakant Raghunath Patil von der regierenden hindunationalistischen Volkspartei (BJP) verkündet: „Die Regierung arbeitet an kurz-, mittel- und langfristigen Maßnahmen, damit kein einziger Tropfen Wasser mehr nach Pakistan fließt.“

Auch Indien zahlt einen Preis für den Wasserstopp

Doch zahlt inzwischen auch Indien dafür einen Preis: Die Stromerzeugung aus Wasserkraft leidet, während das Land die Speicherkapazitäten ausbauen sowie Wasser in andere Regionen umleiten muss.

Pakistan wandte sich an internationale Gremien und beklagte einen drastischen Rückgang des Wasserzuflusses, der die Versorgung beeinträchtige. „Eine militärische Konfrontation muss unbedingt vermieden werden“, mahnte UN-Generalsekretär António Guterres am Montag in New York. Der UN-Sicherheitsrat drängt auf Gespräche zwischen Indien und Pakistan.

  • informationsspiegel

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