Gosia Lehmanns Schau über Kunst und Geld: Immer auf Kurs bleiben

Zuversicht, Lebensfreude, Genuss und Überfluss. Oder auch: Gastfreundschaft, Geselligkeit, Dankbarkeit und Wertschätzung. Im Tarot prophezeit die Karte der Neun Kelche ziemlich viel Gutes. Kira Dell und Laura Seidel, die ihren Projektraum in Berlin-Weißensee 2021 – mitten in der Coronapandemie also – unter diesem Namen gründeten, hatten vorher eben jene Karte gezogen und sie als positives Zeichen gelesen. Zuversicht ist ohnehin unbedingt nötig, wenn man einen Projektraum führen möchte, bei heutigen enger werdenden Spielräumen für die Kultur vielleicht noch mehr als 2021.

Passend erschienen auch andere Aspekte der Weissagung: Auf Geselligkeit legen die beiden Kuratorinnen viel wert. Willkommen sollen sich alle fühlen, die den Weg nach Weißensee auf sich nehmen oder die in der Nachbarschaft wohnen und zufällig vorbeikommen. Wertschätzend wollen sie die Zusammenarbeit mit Künst­le­r*in­nen gestalten, Ausstellungen lieber gemeinsam entwickeln als ein starres kuratorisches Programm vorzugeben.

Was dabei herauskommt, lässt sich in der aktuellen Ausstellung besichtigen, deren Titel allerdings weit weniger verheißungsvoll klingt: Gosia Lehmann stellt ihr Publikum vor ein „Dilemma“, beziehungsweise sie führt es in eines hinein. Dabei handelt es sich um ein Labyrinth aus königsblauen Velours, das die Richtung vorgibt, wie in einem Kursdiagramm, in dem Pfeile das Steigen oder Sinken eines Werts angeben – und sie verwirren dabei mitunter ganz schön.

Dabei sind die Wege in der Regel vorgegeben. Ob es anfangs rechts oder links durchs stählerne Tor geht, entscheidet die Münze. Danach gilt es, gut aufzupassen, die – vermeintlich – richtige Antwort zu geben und den Anweisungen zu folgen. Lehmann reimt Börsensprech auf Wirtschaftsjargon, verwandelt so die Logiken der Finanzwelt in hintergründige Rätsel. Es geht um Briefkastenfirmen, Offshore-Geldanlagen, halblegale Geldgeschäfte, monetäre Systeme und Abhängigkeitsverhältnisse.

Die Ausstellung

Gosia Lehmann: „Dilemma“, Neun Kelche, bis 22. Juni, Freitags 14–19 Uhr und nach Vereinbarung über [email protected]

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Kaurimuscheln spielen da zum Beispiel eine Rolle, jene Schneckengehäuse, die in der Südsee, in Afrika, Ost- und Südasien über Jahrhunderte hinweg als Zahlungsmittel genutzt wurden. Lehmann hat solche auf einem Tisch in der Mitte des Labyrinths arrangiert und – so viel sei hier schon verraten – echt sind sie nicht. Aber was ist schon echt? Und was hat Echtheit überhaupt noch mit dem Wert eines Objekts zu tun? Bei Lehmanns Muscheln handelt es sich um eine 100-teilige durchnummerierte Kunstedition aus Porzellan. Ihr Wert bestimmt sich also wieder anders – naheliegend, dass Lehmann auch auf die irren Verflechtungen von Finanz- und Kunstwelt anspielt.

Gosia Lehmann hat ursprünglich einmal Film studiert, baut mit Vorliebe Installationen, die sie mit requisitenartigen Objekten bestückt und die Menschen zur Interaktion herausfordern. Im Fall von „Dilemma“ geht das gut auf. Es macht Spaß, sich quer durch das kleine Labyrinth leiten zu lassen. Fast ein wenig zu schnell ist die Rätsel-Runde wieder vorbei. Einen Schatz hat Lehmann übrigens nicht versteckt, zu gewinnen gibt es nichts, nichts Materielles zumindest, Denkanstöße aber schon.

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