Reisen zu Drehorten: In Filmkulissen unterwegs

M argot fragt Gaspard, ob er das erste Mal in Dinard sei, als sie sich zufällig am Strand begegnen – und ich beantworte die Frage mit Ja.

Der Grund dafür, dass ich hier bin, sind die beiden. Denn das erste Mal, dass ich von der kleinen Stadt in der Bretagne hörte, war, als ich den Film „Conte d’été“ (1996) von Éric Rohmer sah, in dem sie die Protagonisten sind.

Es ist magisch, an Filmdrehorten zu sein. 2017 bestieg ich in Neuseeland den Berg Ngauruhoe, der in „Der Herr der Ringe“ als Vorlage für Mount Doom genutzt wurde, den Schicksalberg. Ganz aus dem Häuschen war ein Freund, der sich in New York am Filmset von „Marty Supreme“ wiederfand.

Absurdes trug sich zu, als ich den Film „Tár“ im Kino International in Berlin sah. In einer Szene fährt die Dirigentin Lydia Tàr, gespielt von Cate Blanchett, an genau diesem Kino im Auto vorbei. Das Publikum lachte und jubelte, und ich dachte mir, wie toll und gleichsam seltsam es ist, diesen Moment zu erleben, den sonst niemand erlebt, der den Film nicht im Kino International sieht.

Dieses Verliebtsein im Sommer

Und ich dachte an solche Momente, die ich verpasse, weil ich nicht im richtigen Kino, in der richtigen Stadt sitze. Jetzt bin ich in der richtigen Stadt, in Dinard. Als es darum ging, Urlaub zu buchen, erinnerte ich mich an den Küstenort und wollte hin. Angezogen von den Spaziergängen, die ich im Film sah, diesem Verliebtsein im Sommer, von dem schönen Melvil Poupaud, der Gaspard spielt, und von seinen noch schöneren möglichen Partnerinnen, Margot, Solène und Lena.

Mit Margot kann er er selbst sein, sagt er. Sie führen philosophische Gespräche und schwanken wie ein Boot auf der Rance zwischen Freundschaft und Liebe. Solène lernt er beim Ausgehen in Saint-Lunaire kennen. Sie singt sein selbstgeschriebenes Seemannslied und ist die sinnlichste der drei. Lena ist der Grund, warum er in Dinard ist: Sie waren dort verabredet, doch sie taucht nicht auf. Natürlich kann er sich zwischen den dreien nicht entscheiden.

Als ich den Film hier erneut ansehe, bemerke ich, dass Gaspard in dieselbe Bar geht, die ich an meinem ersten Abend hier besuche. Dass er mit Solène in die gegenüberliegende Stadt St.-Malo fährt, über deren Stadtmauer ich spaziere, dass er wie ich Cidre aus den tassenförmigen „Bolée“ trinkt, dass er die Promenade Clair de Lune am Ufer betritt, um Margot in ihrer Crêperie aufzusuchen, die gleiche Promenade, die ich nun entlanggehe.

Reale Orte aus fiktionalen Geschichten zu sehen, ist erdend. Es ist eine kleine Praxis, um sich in dieser Welt zu situieren, seinen Platz zu suchen. In Dinard gibt es Dinge, die neu sind, wie das Schild der Bar, die ich 30 Jahre nach Gaspard besuche, oder die 2009 errichtete Alfred-Hitchcock-Statue auf der Promenade Pablo Picasso, auf der heute Vögel sitzen.

Anderes, die kleinen Hütten am Strand, die smaragdgrünen Küsten, sind genau gleich. Wenn ich sie sehe, kehre ich ins Jahr 1995 zurück, als der Film gedreht wurde. Eine kleine metaphysische Reise.

Ein ganz ähnliches Gefühl hatte ich, als ich auf dem Cimetière Montparnasse in Paris an Simone de Beauvoirs Grab stand. „Sie ist gerade hier“, dachte ich, nicht metaphorisch gemeint, sondern ganz real. Sie ist hier und ich bin dort, wo Margot Gaspard erklärt, warum sie ihre Abschlussarbeit in Ethnologie über die Menschen der Bretagne schreibt. Margot und Gaspard sind hier – und Éric Rohmer, der, obwohl er den Film im Alter von 75 Jahren drehte, junge Liebe authentischer erzählen kann, als es je einem Jüngeren gelungen ist.

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