Anschlag auf Pipelines 2022: Tatverdächtiger für Angriff auf Nordstream verhaftet

Berlin taz | Die italienischen Behörden haben einen Ukrainer festgenommen, der 2022 maßgeblich an der Sprengung der Nordstream-Pipelines in der Ostsee beteiligt gewesen sein soll. Die Festnahme geschah im Auftrag der deutschen Generalbundesanwaltschaft. Serhii K. wird gemeinschaftliche Herbeiführung einer Sprengstoffexplosion, verfassungsfeindliche Sabotage und Zerstörung von Bauwerken vorgeworfen. Der Fall ist brisant, weil der ukrainische Staat im Verdacht steht, an der Aktion beteiligt gewesen zu sein.

Der 49-jährige K. wurde nahe Rimini gefasst, wo er offenbar Urlaub mit seiner Familie machte. Laut Generalbundesanwalt soll es sich bei ihm „mutmaßlich um einen der Koordinatoren“ des Angriffs auf die Nordstream-Pipelines handeln. Er und seine Mit­tä­te­r*in­nen sollen im September 2022 mit falschen Papieren in Rostock die Segelyacht „Andromeda“ gemietet haben, mit der sie in die Nähe der dänischen Insel Bornholm gesteuert seien. Dort sollen sie hinabgetaucht sein und drei der vier Rohre der Unterwasserpipelines mit Sprengsätzen unterbrochen haben. Die Andromeda wurde später von Er­mitt­le­r*in­nen durchsucht, die dabei Sprengstoffspuren fanden.

Die Tat warf heikle Fragen auf. Die USA und andere Verbündete sahen schon in der Pipeline Nordstream 1 ein Instrument Russlands, Deutschland von Energieimporten abhängig zu machen und die osteuropäischen Staaten zu umgehen. Den Bau von Nordstream 2 hatte Deutschland dann ab 2018 nur noch gegen starken Widerstand der westlichen Partnerstaaten durchgedrückt. Die USA drohten beteiligten Unternehmen zeitweilig gar mit Sanktionen. Zusammen hätten durch die beiden Pipelines 55 Milliarden Kubikmeter Gas pro Jahr nach Deutschland fließen können. Daraus wurde nichts. Zwar wurde Nordstream 2 noch zu Ende gebaut, doch ging die Pipeline wegen des russischen Angriffs auf die Ukraine nicht mehr in Betrieb. Auch die Lieferungen von Gas durch Nordstream 1 stellte Russland Anfang 2022 ein. Der Anschlag folgte dann einige Monate später.

Zunächst wurde weithin von einer russischen Sabotageaktion ausgegangen, die die Un­ter­stüt­ze­r*in­nen der Ukraine schwächen und vorführen sollte. Seitdem kamen aber immer mehr Details ans Licht, die eher Ukrai­ne­r*in­nen hinter der Tat vermuten lassen. Recherchen verschiedener Medien legen nahe, dass auch staatliche ukrainische Stellen verstrickt gewesen sein könnten.

Geostrategische Verwicklungen

Für die Bundesregierung droht mit der Festnahme vom Donnerstag also eine unangenehme Situation, sollten neue Belege für Hinterleute in Kyjiw ans Licht kommen. Immerhin unterstützt Deutschland die Ukraine seit Jahren mit milliardenschweren Finanzhilfen und Militärtechnik. Die Bundesregierung gab sich nach der Verhaftung am Mittwoch zurückhaltend. Für Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (SPD) war es ein „sehr beeindruckender Ermittlungserfolg“. Die Sprengung der Pipelines müsse „aufgeklärt werden, auch strafrechtlich“.

Dass die Ermittlungen geostrategische Interessen nicht nur Deutschlands, sondern auch der europäischen Nachbarn und der USA berühren, hatte sich schon im vergangenen Jahr gezeigt. Damals hatten die deutschen Stellen einen der beteiligten Taucher in Polen aufgespürt. Allerdings konnte der Mann entkommen, bevor die polnischen Behörden ihn festnehmen konnten. Der Spiegel berichtete damals, polnische Stellen hätten den Verdächtigen gewarnt. Er sei in einem Auto mit Diplomatenkennzeichen in die Ukraine geflüchtet.

Zuletzt hatten russische Stellen angedeutet, dass im Zuge der russisch-amerikanischen Verhandlungen über ein Ende des Ukrainekriegs auch über den Betrieb von Nordstream gesprochen werde. Die Betreiberfirma Nord Stream 2 AG stand zwischenzeitlich kurz vor dem Bankrott, existiert aber noch.

Der Verhaftete K. sitzt nun in einem italienischen Gefängnis. Über seine Auslieferung nach Deutschland müssen noch italienische Rich­te­r*in­nen entscheiden.

Aktualisiert und ergänzt am 21.08.2025 um 16:25 Uhr. d. R.

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