Ausschluss israelischer Gruppen: Die Falken sind keine Freunde mehr

E s ist ja nicht ungewöhnlich, dass im Leben alte Freundschaften zerbrechen. Weil man sich auseinandergelebt hat, sich nichts mehr zu sagen weiß, weil die Erinnerungen an ein gemeinsames Früher nicht mehr ausreichen. Oder weil die Differenzen zu groß geworden sind, man mit Erstaunen – manchmal mit Entsetzen – feststellt, was aus dem anderen geworden ist. Selten passiert das mit einem Knall. Meist bröckelt es, Risse dehnen sich aus, irgendwann kippt etwas oder schleicht sich ein.

In der Linken sind viele Freundschaften nach dem 7. Oktober 2023 zerbrochen: Bündnisse wurden aufgekündigt, Kontakte abgebrochen – zwischen jenen, die entsetzt waren über die Taten der Hamas, und jenen, die sie relativierten oder gar bejubelten. Der jüngste Bruch in der internationalen Falken-Bewegung, einem Zusammenschluss sozialistischer Jugendverbände, ist also nicht überraschend – und doch so brisant, dass man davon erzählen muss.

Die israelischen Organisationen Hashomer Hatzair und No’al wurden diesen Sommer ausgeschlossen. Der Antrag dazu kam von der palästinensischen Independence Youth Union. Offizielle Begründung: „Militarismus“. Die Israelis beteiligten sich, so hieß es, aktiv am Krieg in Gaza und brächen damit mit den friedenspolitischen Werten. Doch diese Begründung blendet die Realität aus: In Israel ist Militärdienst verpflichtend.

Wer dort lebt, gilt auf der linken Weltbühne daher schnell als Verbrecher – egal, ob man sich für Frieden und eine Zweistaatenlösung einsetzt, wie es die betreffenden Organisationen tun. Für den einzigen jüdischen Staat ist Wehrhaftigkeit ein Überlebensversprechen. Von Juden zu verlangen, diese Wehrhaftigkeit aufzugeben, sie pauschal als böse Militaristen zu diskreditieren, hieße, sie in die Rolle des schwachen Opfers zurückzudrängen. Das ist blinder Pazifismus, den man sich leisten können muss.

Der Rauswurf trifft ausgerechnet ­Hashomer, eine Bewegung, die historisch für Antifaschismus und Widerstand steht. Viele ihrer Mitglieder kämpften im Untergrund gegen die Na­tio­nalsozialisten. Erst 2012 wurde Hashomer in Deutschland wiedergegründet, als Zeichen, dass jüdisches linkes Leben hier wieder Platz hat.

Über Israels Politik wird innerhalb israelischer Organisationen leidenschaftlich gestritten. Mitglieder fordern ein Ende des Ga­za­kriegs, andere schweigen aus Angst vor Stigmatisierung. Doch diese Vielstimmigkeit interessiert im internationalen Verband offenbar nicht. Statt die inneren Widersprüche wahrzunehmen, wählt man den einfachen Weg. Das ist plumper antiisraelischer Aktivismus.

Jüdische Gruppen sollen offenbar nur dazugehören, wenn sie sich brav antizionistisch verhalten. Mit internationaler Solidarität hat das nichts zu tun. Auch die deutschen Falken benennen das, nachdem sie aus den eigenen Reihen dafür kritisiert worden waren, den Ausschluss nicht verhindert zu haben: Von einem „Bruch jahrzehntelanger Friedensarbeit“ ist die Rede. Louise Fischer, eine ehemalige Funktionärin, spricht in einem Interview mit der Jungle World gar von einer Internationalen, die nun von jüdischen Organisationen gesäubert worden sei.

Ausschluss ist keine Kritik, jedenfalls keine, die irgendwohin führt. Wer Debatte durch Li­nien­treue ersetzt, produziert Schwarz-Weiß-Denken und zerstört Vielfalt. Was bleibt von einem Internationalismus, wenn er jüdische Jugendbewegungen hinauswirft, die seit Jahrzehnten für eine gerechtere Welt kämpfen?

Vielleicht ist es wie bei zerbrochenen Freundschaften: Man merkt erst spät, was man verloren hat. Nur dass hier nicht alte Bekannte auseinandergehen, sondern eine Bewegung ihre eigene Geschichte verrät. Und mit ihr die Möglichkeit, trotz Unterschieden gemeinsam zu arbeiten.

  • informationsspiegel

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