Architektur in Rotterdam: Ästhetisch freche Superquader

Rotterdam taz | Man steht mitten in der großen Hafenstadt und könnte ­meinen, man stehe im Wald. Wie Baumhäuser wirken die Kubuswohnungen oder gleich wie Bäume. Auf dicken Betonstämmen thronen die quadratischen Wohneinheiten in Gelb, Grau und Weiß, doch liegen sie nicht wie gewohnt auf einer Längsseite, sondern sind auf Eck gekippt, sodass alle Wände, Fenster und Dächer Schrägen bilden.

38 dieser Kubushäuser formen das Ensemble, sie schmiegen oder stapeln sich an­einan­der, formen mitunter Lichtun­gen. Hier rahmen die Baumkronen den grauen Rotterdamer Himmel charmant ein. Eine irgendwie anheimelnde Dörflichkeit als Bollwerk gegen die Halbmetropole, ein wenig ­Center Parcs auch.

Oder gleich ein Rummelplatz, wie es der niederländische Architekt Piet Blom selbst einmal vorschlug. Sein über eine Hauptstraße gespanntes Gebäudeensemble, fertiggestellt 1984, gehört zu den bekanntesten Aushängeschildern einer Stadt, die an extravaganten Bauten nicht spart.

Rotterdam ist architektonisch selbstbewusst. Auf großen Bannern steht zu lesen, was hier gerade wieder ästhetisch freches am Entstehen ist. Wie das im Mai eröffnete Fenix-Museum für Migration, gekrönt von einer riesigen begehbaren Skulptur, die an eine verzwirbelte Schwimmbadrutsche erinnert. Oder das Museumsdepot ­Boijmans van ­Beuningen, das erste dauerhaft begehbare der Welt, untergebracht in einer Riesenschüssel mit Spiegelfassade. Hinzu kommen unzählige Hochhäuser. Pittoreske Grachten findet man anderswo.

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Von kleinen Kanälen zu Schnellstraßen

Zu tun hat das ungewöhnliche Erscheinungsbild mit dem deutschen Angriffskrieg. In einer Nacht im Mai 1940 zerbombte die Wehrmacht einen Großteil der historischen Altstadt. Aus kleinen Kanälen wurden Trümmerberge und später Schnellstraßen.

Das komplette Neudenken einer Großstadt machte Rotterdam rasch zum Experimentierfeld einer Nachkriegsmoderne, die menschenfreundliche Lösungen für den Alltag suchte – die damals revolutionäre erste Fußgängerzone der Welt, die Lijnbaan, ist hier entstanden. Und seit den 1980er Jahren eben auch die dottergelb-grauen Kuben, von denen ein extragroßer „Superkubus“ heute als Hostel betrieben wird.

Die Zimmer sind schlicht, aber mit allem Nötigen ausgestattet. Der Star ist fraglos der Kubus, der auch eine ziemlich gute Lobby ist. Von morgens bis spät in die Nacht wird in aberwitzigen Winkeln und Fensternischen gelesen, gespielt und gegessen.

An eine stromlinienförmige Einrichtung ist nicht zu denken bei variierenden Formen in mehreren Dutzend Zimmern über drei Etagen. Betten und Regale schmiegen sich an stürzende Wände und zwängen sich zwischen stützende Pfeiler. Piet Bloms Kubushäuser erlauben keine Lösungen von der Stange. Obwohl nur der äußere Bau denkmalschutzrechtlich geschützt ist, nicht das Innere.

Wurden 1984 fertiggestellt: Die Kubushäuser im Zentrum von Rotterdam



Foto: imago


Sagenhaft unpraktisch

Abends, wenn die Tagesbesucher aus der Wohnanlage abgezogen sind, hat man den kubistischen Dorfplatz nahezu für sich alleine. Nur das Miauen einer schwarzen Nachbarkatze hallt durch die Gänge.

Morgens ist dann wieder alles voll, die Miniläden öffnen ihre Türen, und der Herr im benachbarten Kijk-Kubus wird abermals Tou­ris­t*in­nen rausschmeißen, die mit Selfiestick vorbeikommen, aber keinen Eintritt zahlen wollen. Dabei sind die 3,50 Euro gut investiert: In der Museumswohnung kann man sehen, wie sich die Bewohnerinnen und Bewohner mit den vielen Ecken so einrichten.

Die Kubushäuser sind an manchen Stellen funktional gedacht, an anderen sagenhaft unpraktisch. Dabei liegt in den Beschränkungen natürlich ihr eigentliches Geheimnis. Man muss sich ihrer Architektur anpassen, nicht umgekehrt.

Als Lohn wecken die Häuser der spitzen Winkel, was angeblich doch nur Rundungen können: den Höhlenmenscheninstinkt. Sie schaffen archaische Geborgenheit trotz Außenwand­kippwinkel über der Schnellstraße. Und wenn von der Nordsee die nächste Regenfront anrückt und unvermittelt von allen Seiten und Winkeln aufs Gebäude schlägt, dann ist es drinnen behaglich wie auf einem holländischen Segelschiff.

Ab Mitte Oktober wird das Hostel für ein halbes Jahr schließen, um drinnen mehr Platz und einige Macken weniger zu bieten. Bis dahin und dann wieder ab dem Frühjahr ist so ein Kubushaus der sicherlich beste Ausgangspunkt, um Rotterdam zu entdecken: diese eigensinnige, zugleich auch sehr niederländische Stadt mit ihren seltsamen Schichten, den sich kreuzenden Sichtachsen und Baustilen, die sich gegen jede Idylle sträubt und dabei selbst manche neu definiert.

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