Re:­c­laim statt Re:­pu­bli­ca: Alternative Konferenz für mehr Solidarität in den Medien

Eine große Faust reckt einen Stift vor grünem Hintergrund in die Höhe. Auf dem Plakat steht „re:claim – stabiler Journalismus in faschistischen Zeiten“. Während im Berliner Gleisdreieckpark die bekannte Medienkonferenz Re:publica“ stattfindet, finden sich wenige Gehminuten entfernt zum ersten Mal rund hundert Menschen zu einer alternativen Veranstaltung zusammen, sie nennt sich „re:claim“.

Henrike Müller-Mahn ist eine der fünf Personen, die die Re:­c­laim auf die Beine gestellt haben. Sie alle arbeiten als freie Journalist*innen. „Unser Ziel war es, eine Veranstaltung für Medienschaffende zu planen, die nicht ausgrenzt.“ Während ein Standardticket für die Re:­pu­bli­ca 359 Euro kostet, ist ihre Konferenz kostenlos.

Müller-Mahn sagt: „Für die Re:­pu­bli­ca zahlen oft Arbeitgeber die Tickets. Freie Jour­na­lis­t*in­nen müssen selbst in die Tasche greifen. Dabei würde ohne sie ein großer Teil der Inhalte unserer Medien fehlen.“

Man habe einen Raum für Vernetzung, progressive Themen und Medienschaffende mit starken Meinungen schaffen wollen, so Müller-Mahn. In diesem Raum des Veranstaltungsorts „B-Part“ sind die Wände mit hellem Holz vertäfelt, durch die Fenster ist der Gleisdreieckpark zu sehen. In ihrem Vortrag „Bitte nicht mehr fragen: Ist das Völkerrecht tot?“, plädiert Sham Jaff für einen antifaschistischen Journalismus.

Das Völkerrecht war nie neutral

Sie wirft darin die Frage auf, wessen Leben Talkshows mit dieser Frage zur Verhandlungsmasse erklären. Die Journalistin fordert: Medien sollten den Widerspruch anerkennen, dass das Völkerrecht noch nie neutral war, es etwa mit dem Kolonialismus koexistierte und zugleich trotzdem real Menschenleben schützt.

In einem der beiden Workshops spricht die freie Journalistin Laura Vorsatz über unabhängigen Audio-Journalismus und dessen finanzielle Realität. Zeitgleich stellen Linh Tran und Lisa Pham die Ergebnisse einer Recherche über Rassismus in deutschen Medienhäusern vor. Durchgeführt hatte diese das feministische Kitt-Kollektiv, deren Mitglieder Tran und Pham sind.

Die Ergebnisse, die im Medium Magazin veröffentlicht werden sollen, sind besorgniserregend: 80 Prozent gaben an, am Arbeitsplatz schon Mikroaggressionen wie rassistische Witze oder abwertende Sprache erlebt zu haben. 13 Prozent erlebten gar rassistische Beschimpfungen. Fast 50 Prozent haben das Gefühl, aufgrund ihrer Herkunft berufliche Nachteile zu erleben.

Als das Kollektiv den Fragebogen an Medienhäuser schickte, erhielt es vereinzelt die Antwort: Bei ihnen gebe es keine People of Colour, an die man den Fragebogen weitergeben könne. Im Workshop betonten Betroffene, wie wichtig es ist, dass weiße Menschen widersprechen oder sich solidarisch verhalten, wenn sie rassistische Äußerungen mitbekommen.

Tran und Pham präsentierten Vorschläge, wie Medienhäuser Rassismus entgegenwirken können. Zum Beispiel mit einer Fehlerkultur, die Kritik ernst nimmt, und regelmäßig antirassistischen Schulungen für die gesamte Belegschaft.

Beim Abschluss-Panel am Abend sind alle 60 Stühle besetzt. Nur zwei Personen heben ihre Hand, als die Moderatorin, Mareice Kaiser, fragt, wer fest angestellt ist. Eine der vielen freien Jour­na­lis­t*in­nen hier ist Lisa.

Hier sind keine Chefs

Ihr hat die kleine Konferenz sehr gut gefallen. „Dadurch, dass bei der Re:­c­laim Leute waren, die sich die Re:publica-Tickets nicht leisten können oder wollen, konnte man hier besonders gut über prekäre Arbeitsverhältnisse und Strategien dagegen sprechen“, sagt sie der taz.

„Es waren keine Chefpersonen im Raum, wo sich jede Unterhaltung wie ein Bewerbungsgespräch anfühlt“, so die promovierte Sozialwissenschaftlerin, die ihren Nachnamen nicht nennen möchte. Besonders ermutigend fand Lisa es, sich darüber auszutauschen, wie sich Jour­na­lis­t*in­nen in faschistischen Zeiten verbünden können.

Anders als die große Re:­pu­bli­ca hat die Re:­c­laim keine großen Geldgeber hinter sich. Das feministische Missy Magazin übernahm die Kosten für den Druck der Plakate, ansonsten seien gerade einmal 480 Euro gespendet worden, sagen sie auf Nachfrage der taz. Zu spenden sei weiterhin möglich, der Link auf ihrem Instagram-Account zu finden.

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