Mit der Seawatch im Mittelmeer (2): Raus aufs Meer

D er Pilot springt bei voller Fahrt vom Achterdeck der Seawatch 5 zurück auf das kleine Lotsenboot, das neben dem Schiff herfährt, als dieses den Hafen verlässt. Man könnte denken, es gäbe keine reißende Strömung zwischen den beiden Gefährten, so leichtfüßig wirkt das Manöver. Er wird nicht mit auf den Einsatz fahren. Kapitän Sebastian Adler und seine Crew sind nun auf sich allein gestellt.

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Fabian Schroer auf der Seawatch

Es geht raus aufs Mittelmeer. Das blauweiße Seenotrettungsschiff legt am Montagmittag von der süditalienischen Hafenstadt Taranto ab zu seiner fünfzehnten Mission. Die taz ist mit an Bord und begleitet die dreißigköpfige Besatzung.

Die Woche im Hafen verging schnell. Die Crew war rund um die Uhr beschäftigt, das Schiff einsatzfähig zu machen, für ausreichend Essen für potenzielle Gerettete zu sorgen und jeden Handgriff so einzuüben, dass auf hoher See am Ende alles glatt läuft.

Auch ich als mitreisender Journalist muss seetauglich werden, verschiedene Sicherheitstrainings und Übungen durchlaufen. Die professionelle Distanz zu halten, ist hier nicht immer leicht. Kommt es auf dem Mittelmeer zu einem echten Notfall, hilft es wenig, zu sagen, dass man nur zum Schreiben da ist.

Wo hört Journalismus auf, wo fängt Aktivismus an?

Wie weit darf der Journalist Teil der Gruppe werden, über die er berichtet, ohne befangen zu sein? Ein gewisser Grad an „sich gemein machen“ scheint unvermeidbar: An Bord wird auf engem Raum gegessen, geputzt, geschlafen – und natürlich redet man, zumindest im Hafen, nach Feierabend bei einem Getränk über das erlebte. Aber wo hört Journalismus auf, wo fängt Aktivismus an? Ein Klo zu putzen, dass ich auch selbst benutze, geht wohl noch klar. Eine Schicht auf dem Ausguck wäre da schon etwas anderes.

Das Projekt Bordtagebuch

Zehn Jahre ist der Summer of Migration her, in dessen Verlauf hunderttausende Geflüchtete nach Deutschland kamen. Die taz widmet dem Thema einen Schwerpunkt – und schickt einen Redakteur auf das Seenotrettungsschiff Seawatch 5. In dieser Online-Kolumne und auf den Social-Media-Kanälen der taz berichtet Fabian Schroer vom Rettungseinsatz auf dem Mittelmeer. Alle seine Berichte und Videos finden Sie hier im Bordtagebuch.

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Als ich in der Morgenrunde erkläre, dass ich aus berufsethischen Gründen nicht an Nachtwache oder Essensausgabe teilnehmen werde, fällt es mir schwer einzuschätzen, was in den Köpfen meiner Mitfahrenden vorgeht. Sind es für sie zwei Hände weniger, die dringend gebraucht würden?

Am Tag vor der Abreise spreche ich noch mit Eliora Henzler, der Einsatzleiterin für die Mission. Sie erzählt mir, mit welchen Schwierigkeiten Seawatch momentan zu kämpfen hat und warum sie tut, was sie tut. Sie sagt, es gebe wichtige Fragen, die man sich zu Migration stellen müsse, etwa die nach Überforderung von Kommunen, die Geflüchtete aufnehmen.


Henzler stört sich jedoch an der, ihr zufolge nach rechts driftenden Debatte darüber, ob es überhaupt Migration geben sollte. Ihre Mutter ist Marokkanerin, ihr Vater Deutscher, sie mir: „Wenn es nicht möglich wäre, von einem Land ins andere zu kommen, gäb’s mich nicht.“

Kurz nachdem das Schiff den Hafen verlässt, nimmt mich einer der Bordärzte beiseite und sagt mir, er verstehe sehr gut, was ich über Distanz gesagt habe, wegen ihm soll ich mir keine Gedanken machen.

Ich stehe am weißen Geländer auf der Brücke und der Wind bläst mir ins Gesicht. Zwischen den türkisblauen Wellen sehe ich erst einen, dann noch zwei weitere Delfine, die die Seawatch 5 beim Start ihrer Mission begleiten. In vier Tagen wird sie ihr Einsatzgebiet vor Libyens Küste erreichen.

  • informationsspiegel

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