Rede von Friedrich Merz in Davos: Der große Stutenkerl und die Weltordnung

Nach dem US-Präsidenten hält Bundeskanzler Friedrich Merz beim Weltwirtschaftsforum eine Rede. Stark unterschieden haben sich die Reden nicht.

F riedrich Merz hat eine große Rede gehalten. Der große Stutenkerl, betonte der Kanzler, entspreche seinem politischen Denken. Man möchte schon lachen. Aber damit meinte er gar nicht den großen Rumredner und Weltverdreher aus den USA. Er meinte das Gebäck mit der Pfeife. Denn in dieser Rede bedankte sich Merz beim Deutschen Bäckerhandwerk für die Verleihung des Großen Stutenkerls an ihn selbst. Das war am Sonntag.

Am Donnerstag hat Merz wieder eine Rede gehalten. Diesmal beim Weltwirtschaftsforum in Davos, bei dem mehr und mehr offensichtlich wird, dass die Großkopferten die Welt nicht mehr gebacken kriegen. Jedenfalls nicht mit herkömmlichen Rezepten. Das aber ist das Problem des Bundeskanzlers. Er hat nichts anderes in der Tasche. Sowohl vor der Backwirtschaft wie vor der Weltökonomie preist er den Deutschen Mittelstand als Erfolgsmodell – auch und gerade in einer sich fundamental und fundamental schnell verändernden Welt. Der sei ein Garant für Industrien der Zukunft in einem Deutschland als starkem Partner.

Das ist nicht falsch. Ohne wirtschaftliche Stärke sähen Deutschland und Europa noch älter aus, als sie gerade wirken im Strudel des Weltgeschehens. Den von Merz selbst benannten tektonischen Verschiebungen in der Geopolitik hat er aber nur drei Punkte entgegenzusetzen: Sicherheit. Also mehr Ausgaben für Verteidigung. Einigkeit. Also Zusammenhalt in Europa. Wettbewerbsfähigkeit. Also eine boomende Wirtschaft in einer glorreichen Welt des Kapitalismus.

=”” span=””>

Das Logo der taz: Weißer Schriftzung t a z und weiße Tatze auf rotem Grund.
taz debatte

=”” div=””>

Der Kanzler versteht die Welt in erster Linie als Marktplatz. Und sonst offenbar gar nicht. Darin gleicht er – fataler könnte es gar nicht sein – ausgerechnet Donald Trump. Auch wenn Merz der Bürokratie in Europa ein harsches „Das muss ein Ende haben“ entgegenschleudert, klingt er wie der große Zampano aus Washington, der gern per Handstreich die Puppen tanzen lässt. Alles muss schnell sein, dynamisch, bloß keine Zeitverschwendung.

Wohl deshalb hat der Ökonom Merz auch keine Zeit, die wichtigen Unterschiede zur aktuellen US-Politik zu benennen. Es geht nicht nur um Solidarität zwischen Staaten, sondern um sozialen Ausgleich zwischen Menschen. Es geht nicht um Verwertung von Rohstoffen und Arbeitskräften, sondern um eine inspirierend offene Gesellschaft, um den Erhalt von Umwelt und Kultur, um die Freiheit der Gedanken über Grenzen hinweg. Man muss das klar benennen, deutlicher noch als in den vergangenen Jahrzehnten. Weil es eben keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Sondern schnell vergessen wird. Selbst vom Bundeskanzler.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei!

Jetzt unterstützen

  • informationsspiegel

    Related Posts

    Pop-Kultur Festival in Berlin: Pop hat Power
    • August 24, 2026

    Popkultur spiegelt die Gesellschaft. Beim Pop-Kultur Festival geht es um rechte Kulturpolitik, Gender Pay Gap und die politische Macht von Fangruppen. mehr…

    Weiterlesen
    Im Hospiz: Jetzt schon?
    • August 24, 2026

    Nach dem Umzug ins Wenckebachkrankenhaus fragt sich unser Autor, was er noch machen möchte. Freunde noch einmal sehen oder Texte schreiben zum Beispiel. mehr…

    Weiterlesen

    Nicht verpassen

    Pop-Kultur Festival in Berlin: Pop hat Power

    • 2 views
    Pop-Kultur Festival in Berlin: Pop hat Power

    Im Hospiz: Jetzt schon?

    • 4 views
    Im Hospiz: Jetzt schon?

    Tischtennisturnier in Berlin: Boom und Biederkeit

    • 4 views
    Tischtennisturnier in Berlin: Boom und Biederkeit

    Meereskundler über das 1,5-Grad-Ziel: „Wir denken ja immer noch, wir sind hier vorbildlich“

    • 2 views
    Meereskundler über das 1,5-Grad-Ziel: „Wir denken ja immer noch, wir sind hier vorbildlich“

    An einem Abend der wie Honig fließt: Im Alten Schweden wird Dagmar böse

    • 2 views
    An einem Abend der wie Honig fließt: Im Alten Schweden wird Dagmar böse

    Die Wut von Marrokos Jugend: Den Frühling noch nicht aufgeben

    • 3 views
    Die Wut von Marrokos Jugend: Den Frühling noch nicht aufgeben