V or dem Gerichtsgebäude herrscht Stille. Die Demonstranten, die sich hier in Ain Sebaa, einem Stadtteil von Casablanca, versammeln, bleiben lange stumm. Ein Mann mit Megafon und jahrelanger Protesterfahrung steht da und wartet, bis die Menge auf etwa 50 Teilnehmer angestiegen ist. Dann erst ruft er. „Freiheit für Yassir, Freiheit für alle Inhaftierten!“
Yassir Mounbir, 22 Jahre alt und Graffitikünstler, ist mit seinen regierungskritischen Tags zum Idol der GenZ-Bewegung geworden, die im letzten Herbst zu Zehntausenden im Königreich auf die Straße gegangen ist. Nun sitzt er im Gefängnis. Angeblich hat er in einem seiner Bilder den König Mohamed VI. verunglimpft. Aber die genaue Anklageschrift kennt niemand hier. „Das passiert häufig“, sagt Moussa, einer der Mitorganisatoren, der seinen richtigen Namen aus Angst vor Verfolgung nicht veröffentlicht sehen will. „Auch Rapper werden für ihre Texte verhaftet, aber wissen bis zum Urteil nicht, für welche explizite Textzeile.“
Und heute werden sie es auch nicht herausfinden. Denn als eine Delegation dem Gericht eine von 300 Künstlern unterschriebene Petition übergeben will, erfährt sie von der erneuten Vertagung des Prozesses.
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Es ist der größte Protest in der Stadt seit den GenZ-Protesten. Obwohl er klein wirkt und viele Zivilbeamte teilnahmslos zusehen, gehen die Protestierenden ein großes Risiko ein. „Wenn ich die Aufnahmen davon auf meiner Timeline poste, verschwinde ich hinter Gittern“, sagt jemand.
Über den großen Massenansturm auf die spanische Exklave Ceuta am 30. Juli spricht in Ain Sebaa niemand. „Wir haben nicht einmal die Aufforderung gesehen, dorthin zu gehen“, sagt der 28-jährige Moussa. „Die Zielgruppe der Initiatoren waren unter 18-Jährige.“
Dennoch ist die Massenflucht über die Grenze, bei der mindestens 96 Migranten gestorben sind, allgegenwärtig. An Bahnhöfen und in ärmeren Vierteln zeigen Sicherheitskräfte Präsenz, in Zivil und Uniform. Wer in Ceuta war und Fotos auf Tiktok oder Instagram gepostet hat, muss mit seiner Verhaftung rechnen.
„Warum, wissen wir auch nicht“, sagt jemand in einer Gruppe von 15-Jährigen etwas abseits des Protestes. Freunde von ihnen waren auf eigene Faust Ende Juli in die spanische Exklave aufgebrochen. Ohne Geld, Ersatzkleidung oder einen Plan. Die Gruppe hat sich wegen eines verhafteten Freundes im Park vor dem Gericht von Ain Sebaa getroffen. Doch wie sie mehr über sein Schicksal erfahren können, wissen sie auch nicht. „Er ist wie viele aus Abenteuerlust und in der Hoffnung auf einen besseres Leben losgezogen“, sagt ein Freund. „Was man eben so macht in unserem Alter.“
Über 70.000 Menschen hatten Ceuta gestürmt, ausgerechnet am Jahrestag der Krönung von König Mohamed VI. Spanische Bewohner und Soldaten jagten die jungen Leute durch die Straßen, die meisten kehrten zurück nach Marokko.
Europäische Medien schrieben danach über die Suche nach Jobs als Grund für viele. Doch das Narrativ von den „Wirtschaftsflüchtlingen“ oder „Arbeitsmigranten“ greift zu kurz. Es gibt wirtschaftliche Gründe, das Land zu verlassen. Aber es gibt auch viele junge Menschen, die trotz fehlender Perspektiven bleiben und für Veränderungen kämpfen wollen – so wie Moussa.
„Wir sind hier der letzte Rest einer Bewegung für das Recht auf freie Meinungsäußerung“, sagt der 28-Jährige. „Von uns ist keiner nach Ceuta gegangen, weil wir hier etwas verändern wollen, was 2011 mit dem Arabischen Frühling begonnen hatte. Es ist nicht viel mehr als das Recht auf eine Meinung und einen Job, von dem man leben kann.“
Moussa, 28, Aktivist
Doch die Regierung hat mit ihrer Repression gegen die Protestbewegungen der letzten Jahre alle Hoffnungen der Jugend zerstört. Mehr als 2.400 Menschen wurden im vergangenen Oktober strafrechtlich verfolgt. Gegen viele liefen Verfahren weiter. Immer noch sitzen heute 600 junge Demonstranten im Gefängnis. Während man in Europa noch darüber spekuliert, ob Ceuta von der marokkanischen Regierung mitorganisiert wurde, geht diese gegen die Massenbewegung mit altbewährten Methoden vor.
Seit Mitte Juli sind weitere Idole der marokkanischen Jugend im berüchtigten „Oukacha“-Gefängnis gelandet oder warten auf ihre Verfahren. Einer davon ist der Rapper „Blackwind“. Seit dem Arabischen Frühling singt er über die Hoffnungslosigkeit der Jugend, geschützt haben ihn bisher wohl seine Popularität und sein Umzug nach Marseille. Auf Instagram schrieb er: „Fuck you all. Ihr da oben und ihr da unten“. Ende Juli kam er vorläufig frei, sein Prozess wurde vertagt
Nun wartet Mehdi Black Wind, wie ihn seine Fans nennen, auf den Beginn seines Verfahrens. Doch das kann noch lange dauern. Denn vergangenen Mittwoch sind die Rechtsanwälte auf unbestimmte Zeit in den Streik getreten. Sie protestieren dagegen, dass das Verfassungsgericht ihre Pflichten und Rechte nicht genau definiert.
Ohne Rechtsanwälte ruhen auch die Verfahren aller kürzlich Festgenommenen. Deshalb ziehen die Aktivisten, die für den Graffitikünstler Yassir nach Ain Sebaa gekommen sind, nach einer halben Stunde wieder ab. Zuvor rufen sie noch einmal: „Free Kulchi“, „Freiheit für alle“. In den Gesichtern der Angehörigen anderer Inhaftierter, die vor dem Gericht warten, regt sich nichts.
Auch im AMDH-Büro in Tetouane ist die Stimmung schlecht. Die Freiwilligen der ältesten Menschenrechtsorganisation Marokkos können hier im Norden, eine halbe Autostunde von Ceuta entfernt, zwar frei arbeiten. Aber auch hier ruhen alle Verfahren gegen die zahlreichen Jugendlichen, die auf dem Rückweg von Ceuta festgenommen worden waren. „Wir haben zu den rund 1.100 in Ceuta verblieben Minderjährigen keinen Kontakt. Und keinen Ansprechpartner auf spanischer Seite.“
Seit einem Dekret des Innenministeriums aus dem Jahr 2014 gibt es im Land nur noch drei der früher 110 AMDH-Büros. Die Menschenrechtler arbeiten meist unbezahlt, weil auch ein Großteil der staatlichen Förderung gestrichen wurde. Hilfe aus dem Ausland ist ebenfalls keine Lösung. Sonst werfen die Behörden den NGOs, ähnlich wie in Tunesien oder Libyen, vor, Agenten ausländischer Interessen zu sein.
Sushi und Luxuslimous
Ein paar Kilometer weiter, auf dem Boulevard al Massira el Khadra, erlebt man eine andere Welt. Der Stadtteil Maarif ist wohlhabend, hier findet man edle italienische Restaurants, Sushi-Take-Aways, Flagship-Stores teurer Modemarken statt orientalischen Flairs. Dazwischen werden brandneue Limousinen und Showrooms chinesischer Hersteller ausgestellt. Casablanca ist bei den Schönen und Reichen eine beliebte Shoppingdestination.
Die Infrastruktur der Stadt funktioniert beeindruckend gut. Busse und Bahnen der Drei-Millionen-Einwohner-Stadt fahren überpünklich, die gepflegten Parks und der Luxus in Stadtteilen wie Maarif ziehen Manager asiatischer und europäischer Firmen an. Gerade entsteht im Industriepark der Stadt Kenitra die größte Autobatteriefabrik des Kontinents. Der chinesische Hersteller Gotion investiert hier rund 5 Milliarden Euro.
In Windeseile werden solche Fabriken mit dem Schienennetz verbunden, dessen reibungslose Organisation auch einige Länder in Europa weit hinter sich lässt. Wie effizient beschlossene Projekte durchgezogen werden, sieht man an einem Ort, der in anderen arabischen Städten eigentlich das pochende Herz der Stadt ist. In Casablanca wirkt die Medina, die Altstadt, wie von den Stadtplanern vergessen. Etwas heruntergekommen, glanzlos neben all den glas- und stahlbewehrten Hochhäusern.
Direkt neben den arabischen Händlern haben sich auf dem „senegalesischen“ Markt Verkäufer aus ganz Afrika niedergelassen. Anders als in den Nachbarländern wirkt die Stimmung unter den aus dem Süden Zugewanderten entspannt. Auf den Baustellen und in der Serviceindustrie Casablancas gibt es viele Verdienstmöglichkeiten.
Besser hier als in Europa
Mabinti aus Ghana lebt mit ihrem Mann und Sohn im Armenviertel Ouled Slimene. Auch wenn seit den Ereignissen in Ceuta auch dort die Lage angespannt ist, will sie in Marokko bleiben. „Von uns ist niemand nach Ceuta gegangen, uns geht es hier vielleicht besser als in Europa. Aber wegen der Gerüchte kommen immer mehr Migranten über Tunesien und Algerien.“ Mabinti fürchtet, dass in Casablanca durch die Neuankömmlinge die sowieso schon niedrigen Löhne für Migranten aus Subsahara-Afrika noch weiter sinken werden.
Ein paar Schritte neben den Rauchschwaden der Straßengrills des Senegal-Marktes haben Bagger und Planierraupen eine Freifläche geschaffen, die mehrere Fußballfelder groß ist. Hier standen früher Häuser im typisch marokkanischen Stil. Wie in vielen Armenvierteln von Casablanca, den sogenannten Bidonvilles, erklärten die Stadtplaner die oft von den Familien selbst gebauten Häuser kurzerhand für einsturzgefährdet. Sie wurden von der Stadtverwaltung abgerissen, die Bewohner siedelte man gegen die Zahlung einer Entschädigung in Neubaugebiete um.
Was auf der riesigen Freifläche mitten im Stadtzentrum gebaut werden soll, weiß in der Medina niemand. Auch die Abgeordneten des Stadtrates wie Abdullah Abaakil erhalten keine Informationen. Entscheidungen des Beratergremiums, das König Mohamed VI. um sich geschart hat und das alle wichtigen Entscheidungen im Land trifft, werden auch im 27. Jahr seiner Regentschaft nicht hinterfragt.
„Ich war der Einzige, der vor zwanzig Jahren gegen den Abriss gestimmt hat“, sagt der 65-jährige Abaakir. Der Sozialist mit dem Strohhut macht sich wegen der sozialen Spaltung im Land große Sorgen. „Der Abriss des Viertels neben der Medina hat inmitten einer Millionenstadt und ohne jegliche Rechtfertigung gegenüber den Bürgern stattgefunden. Jetzt überlegen Sie sich mal, wie in der Provinz mit privatem Land umgegangen wird.“
Das Land im Ausverkauf
Abaakil spielt auf einen Fall in der Provinz Hirak-Rif an, als es 2016 nach der von Rabat beschlossenen Konfiszierung der wenigen ertragreichen Gebiete und der Neuvergabe von Fischereilizenzen zu einem Volksaufstand kam. Die Anführer dieser Bürgerbewegung sitzen auch heute noch im Gefängnis.
Abaakil hat in den letzten Jahrzenten gegen die zunehmende Privatisierung in Casablanca gekämpft – vergeblich. „Die Stadt besitzt heute keinen einzigen Bus mehr. So wie die meisten anderen öffentlichen Dienstleistungen wurde der öffentliche Nahverkehr an private Firmen übergeben.“
Seit 27 Jahren werde alles zu Geld gemacht, was man verscherbeln kann. „Das nützt einer Clique von königstreuen Geschäftsleuten, ist doch aber eine große Gefahr für ein Land, dessen postkoloniale Strukturen noch immer im Aufbau sind“, sagt Abaakir. Ein Großteil der wirtschaftlichen Erfolgsgeschichte Marokkos beruhe auf Durchschnittslöhnen von umgerechnet 300 Euro. „Niemand der Busfahrer im öffentlichen Nahverkehr hat eine Renten- oder ordentliche Krankenversicherung“, sagt Abdullah Abaakir.
Für ihn und viele, mit denen die taz gesprochen hat, waren die Ereignisse rund um Ceuta daher keine Überraschung, aber nur wenige trauen sich dies auch öffentlich auszusprechen.
Kein Wort vom König
Eine Chance auf baldigen Wandel sieht der linke Politiker daher nicht, zumindest nicht von außen. „Trump kann an dieses System gut andocken und die Europäer verdienen an der Idee der Werkbank Marokko doch gut mit.“ Zugleich wundert sich Abaakil über die Naivität seiner europäischen Kollegen. „Man kann doch nicht ernsthaft annehmen, das Problem der Migration mit seinen nordafrikanischen Partnern lösen zu können, wenn es dort keine echten demokratische Kontrollmechanismen gibt. Und keine Meinungsfreiheit.“
Die Ceuta-Krise zeige, dass der „Mahzen“, das tief verwurzelte Macht- und Regierungsnetzwerk, auf die immer wiederkehrenden Bürgerbewegungen und Proteste keine rechte Antwort hat.
Nabilaa Mounib, ist eine große, selbstbewusste Frau, die mit ihrem eleganten Auftreten auch aus Casablancas High Society stammen könnte. Seit 2021 sitzt sie im marokkanischen Parlament für die Vereinigte Sozialistische Partei (PSU), seit 2012 ist sie deren Vorsitzende und damit die erste Frau im Land, die eine politische Partei anführt.
Ihre berüchtigt kompromisslose Kritik an der sozialen Ungleichheit im Land formuliert sie in ihren Parlamentsreden in ähnlichen Sätzen wie die Anführer der Protestbewegungen seit 2011, von denen immer noch einige im Gefängnis sitzen. Mounib und Albaakir sind störende Sandkörner im Machtbetrieb von Casablanca und der nah gelegenen Hauptstadt Rabat. Mehr nicht, denn die staatlichen Medien ignorieren sie.
Aber nach Ceuta wird ihre Kritik populärer. Auf der Terrasse eines Straßencafes halten immer wieder Passanten an und danken Mounib überschwänglich für ihren Einsatz. Bei den kommenden Parlamentswahlen am 23. September hofft sie auf einen weiteren Sitz ihrer Partei in dem 395 Abgeordneten starken Parlament.
Doch was zu sagen hätten selbst Minister nicht, sagt Mounib. „Die Vertrauten des Königs haben die wahre Macht. Wie und von wem die Entscheidungen getroffen werden, darüber kann die Öffentlichkeit nur spekulieren.“
Nabilaa Mounibs Herzensprojekt richtet sich an die Jugend des Landes. Mit der „Schule der zweiten Chance“, unterstützt mit privaten Spendengeldern, will sie junge Marokkaner und Marokkanerinnen ohne Schulabschluss und Ausbildung von der Straße zum Lernen bringen. 3,5 Millionen von ihnen seien durch den Verfall staatlicher Bildungsarbeit ohne Schul- und Berufsabschluss, sagt Mounib.
„Schulen statt Fußballstadien“ forderten auch die GenZ-Demonstranten im vergangenen Herbst. Statt ausschließlich auf neue Billiglohnjobs ausländischer Investoren wie Renault, Stellantis oder Bombardier zu setzen, die in den Freihandels- und Industriezonen von Tanger, Kenitra oder Casablanca für den Export produzieren, will Mounir das öffentliche Schulwesen sanieren. Und die Berufsausbildung reformieren, auch für die Rückkehrer aus Ceuta. „Wenn wir uns jetzt nicht um die Hoffnungslosigkeit der jungen Marokkaner unter 30 kümmern, dann wird es viele weitere Ceutas geben“, sagt Nabilaa Mounib energisch.
Die 60-Jährige versucht über ihre Netzwerke im Parlament auch den Konflikt mit der spanischen Regierung zu entschärfen. Mit dieser teilen viele junge Marokkaner die Kritik an dem westlichen und israelischen Vorgehen in Gaza und im Libanon. „Selten war das nachbarschaftliche Verhältnis mit Spanien so gut wie in den letzten Jahren“, sagt Mounib. „Der Sturm auf Ceuta wurde von einer rechten Allianz organisiert, um Spanien unter Druck zu setzen. Man hat die Hoffnungen der jungen Marokkaner für eine politische Kampagne instrumentalisiert.“
Für Stadtratsmitglied Abdullah Abaakil widerspricht Marokkos scheinbarer Wirtschaftsboom dem Emigrationswillen der Jugend ganz und gar nicht. Das Paradoxon sieht er eher in Europas Blick auf die Krise. „Dort sieht man Marokko als lukratives Investment, ein Land mit niedrigen Löhnen. Um Demokratie schert man sich nicht.“ Migration sei die Folge davon. Und Ceuta, glaubt Nabila Mounib, womöglich erst der Anfang.






