An einem Abend der wie Honig fließt: Im Alten Schweden wird Dagmar böse

D er Hitzesommer hängt noch im Schankraum des Alten Schweden. Seit den Zehnerjahren gibt es unter seiner Adresse im Wedding eine Kneipe. Bevor 2009 der Elch einzog, der über die Gäste und seit einiger Zeit über Musiker und Autoren wacht, hieß die Schankwirtschaft „Zur fleißigen Biene“. An einem Augustfreitag, der zerfließt wie Honig, singt die Chemnitzer Musikerin Jens Ausderwäsche ein Lied, das aus der Spur will: „Wollen wir heut ausgehʼn/ Oder wollʼn wir fahren?“

Jens, in ihrem Ausweis steht Jenny Kretzschmar, spielt eine elegische Gitarre, der sie in überraschenden Momenten merkliche Geräuschattacken entlockt, die Schlagzeuger Micha noch unterfüttert. An den Vorderrahmen der Basstrommel ist in Form einer Holzsägearbeit ein Peace-Zeichen montiert. Jens und Micha sind mit Kuscheltieren angereist. Er trägt ein T-Shirt der Hardrock-Hexer Black Sabbath. Der Friede kommt nicht auf leisen Pfoten daher.

Die stolpernden Hits von Jens Ausderwäsche stecken voller Kurzgeschichten und Vignetten. „Wie geht man baden“ heißt so ein Song, bei dem es einen plötzlich überfährt, dass es da nicht unbedingt nur um einen Ausflug gehen muss, gerade wenn sie hinzusetzt: „Du wirst es mir verraten.“

Ein Lied, das in seiner Schunkelhaftigkeit fast wie geschaffen für die Kneipe mit dem dunkelbraun gestrichenen Stuck und der hellbraunen Decke scheint, heißt „Dagmar wird böse“. Sie hat allen Grund dazu. Ralf, Peter und Sandy aus demselben Lied machen mit.

Clowns und dressierte Hündchen

Wer weiß, was noch passiert, wenn die Menschen aus Jensʼ Liedern auf die Platte stoßen, die im Alten Schweden an der Wand hängt. Es ist „Locus Abortion Technician“ von den Butthole Surfers, und sie ist so wenig harmlos wie die beiden Zirkusclowns und das dressierte Hündchen auf dem Covergemälde. Im Alten Schweden finden regelmäßig wöchentlich Abende mit Doom statt, dunkel dräuender Rockmusik zur Unzeit. Und der Alte Schwede ist Gastgeber für Literatur und Jazz, beides mit Ohr zur Straße.

Am Sonnabend läuft im Sowieso in Neukölln John Coltranes Ballade für seine erste Frau Juanita „Naima“ Coltrane, née Grubbs, und zwar nicht in der knapp fünfminütigen Version auf „Giant Steps“, sondern in der epischen Länge von 15 Minuten auf „Live At The Village Vanguard Again!“. Der Barkeeper blendet nicht ab.

Das Sowieso ist ein Jazzclub von der Größe eines Ladengeschäfts. So etwas wie eine Sommerpause scheinen sich die Betreiber nicht zu gönnen. Ähnlich dem Alten Schweden sind mehrere Veranstaltungen pro Woche keine Seltenheit. Coltrane vom Band, das dieser Tage ein digitales ist, ist mittlerweile bei „My Favorite Things“ angekommen, seiner Version des Lieds aus dem Broadway-Klassiker „The Sound of Music“. Ein Snob, wer über Standards die Nase rümpft.

Ulrich Gumpert, Matthias Bauer und Sunk Pöschl tun das auf gar keinen Fall. Das Trio aus Piano, Bass und Schlagzeug spielt an diesem Abend sein zweites Konzert überhaupt. Im Frühsommer haben Gumpert, Bauer und Pöschl der Jam Session im Kühlspot Social Club die Startbahn bereitet (der Abend hob tatsächlich ab), im Sowieso geben sie ihr erstes längeres Konzert.

Swing mit wilden Momenten

Ganz ruhig und konzentriert fängt Gumpert an. Keine Schwere, kein Verdruss ist in der Musik, stattdessen filigrane Echos und Verbindungen. Bauer spielt tatsächlich mit Swing, und selbst wo Pöschl loslegt, tut er das mit Bedacht. In ihren wilderen Momenten hat die Musik etwas von „Money Jungle“, Duke Ellington, Charles Mingus und Max Roach, einer Platte, die ihren Sog aus den Spannungen zwischen den Musikern bezieht. Gumpert, Bauer und Pöschl ziehen auch in ihren Bann, aber sie verstehen sich merklich besser.

Pöschl probiert kurz vor Ende, wie eine Wasserflasche und eine Plastetüte auf dem Schlagzeug klingen. Die zerdrückte Flasche knarzt, die wehende Tüte hat etwas von einem hauchenden Wind. Zur Zugabe ein Klassiker, und zwar „The Black and Crazy Blues“ von Rahsaan Roland Kirk. Vor der Tür auf der Weisestraße ist es kühler geworden. Man könnte meinen, das Wetter habe Platz gemacht.

  • informationsspiegel

    Related Posts

    Pop-Kultur Festival in Berlin: Pop hat Power
    • August 24, 2026

    Popkultur spiegelt die Gesellschaft. Beim Pop-Kultur Festival geht es um rechte Kulturpolitik, Gender Pay Gap und die politische Macht von Fangruppen. mehr…

    Weiterlesen
    Im Hospiz: Jetzt schon?
    • August 24, 2026

    Nach dem Umzug ins Wenckebachkrankenhaus fragt sich unser Autor, was er noch machen möchte. Freunde noch einmal sehen oder Texte schreiben zum Beispiel. mehr…

    Weiterlesen

    Nicht verpassen

    Pop-Kultur Festival in Berlin: Pop hat Power

    • 0 views
    Pop-Kultur Festival in Berlin: Pop hat Power

    Im Hospiz: Jetzt schon?

    • 2 views
    Im Hospiz: Jetzt schon?

    Tischtennisturnier in Berlin: Boom und Biederkeit

    • 1 views
    Tischtennisturnier in Berlin: Boom und Biederkeit

    Meereskundler über das 1,5-Grad-Ziel: „Wir denken ja immer noch, wir sind hier vorbildlich“

    • 0 views
    Meereskundler über das 1,5-Grad-Ziel: „Wir denken ja immer noch, wir sind hier vorbildlich“

    An einem Abend der wie Honig fließt: Im Alten Schweden wird Dagmar böse

    • 1 views
    An einem Abend der wie Honig fließt: Im Alten Schweden wird Dagmar böse

    Die Wut von Marrokos Jugend: Den Frühling noch nicht aufgeben

    • 1 views
    Die Wut von Marrokos Jugend: Den Frühling noch nicht aufgeben