Anschlag auf jüdisches Altenheim: Glühender Antisemitismus

Es war nach dem Olympia-Attentat von 1972 der schlimmste antisemitische Anschlag in der Bundesrepublik. Und doch geriet der Mord an David Jakubowicz, Leopold Arie Leib Gimpel, Regina Rivka Becher, Siegfried Offenbacher, Max Meir Blum, Rosa Drucker und Georg Eljakim Pfau lange Zeit mehr oder minder in Vergessenheit. Sieben Menschen, die den Holocaust überlebt hatten und dann – am 13. Februar 1970 – in einem Feuer starben, das jemand im jüdischen Altenheim in der Münchner Reichenbachstraße gelegt hatte.

Es war Sabbat. Freitagabend. Die Feuerwehr war schnell vor Ort, konnte viele Bewohner retten. Die sieben nicht. Sechs von ihnen kamen in den Flammen um, der 71-jährige Max Meir Blum wollte sich mit einem Sprung aus dem vierten Stock retten, überlebte den Sturz allerdings nicht.

Dass es Mord war, dass jemand den Brand absichtlich gelegt hatte, stand schnell fest. Auch der Tathergang: Der Täter muss gegen 21 Uhr das Gemeindezentrum der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern betreten haben, das sich damals noch hier im Glockenbachviertel befand. Aufgehalten wurde er von niemandem. Dass jüdische Einrichtungen in Deutschland rund um die Uhr von der Polizei geschützt werden, war erst eine Folge des Anschlags.

Mit dem Aufzug fuhr der Täter in den vierten Stock, setzte ihn außer Betrieb, ging dann zu Fuß wieder hinunter und vergoss dabei im Treppenhaus ein Gemisch aus Benzin und Öl. Unten angekommen, setzte er es in Brand und floh. Das Feuer verbreitete sich rasend schnell, die Menschen im Haus saßen in der Falle. In den oberen Stockwerken befand sich das Altenheim, auch einige Studentenunterkünfte.

„In Liebe zum Führer“

Auf der Suche nach dem Täter tappten die Ermittler jedoch jahrelang im Dunkeln. Jahrzehntelang. Palästinensische Gruppen wurden verdächtigt, später dann vor allem Linksextremisten – etwa die Tupamaros, eine Terrorbande rund um Fritz Teufel und Dieter Kunzelmann, die unter anderem 1969 einen Sprengsatz in der Jüdischen Gemeinde Berlin platziert hatte.

Ermittlungen wurden aufgenommen und wieder ad acta gelegt. Auch ein rechtsextremistischer Hintergrund wurde nicht ausgeschlossen, stand aber nie wirklich im Mittelpunkt der Ermittlungen. Bis zum vergangenen Jahr, als sich die Generalstaatsanwaltschaft nach einem Hinweis an den Antisemitismusbeauftragten der bayerischen Justiz, Andreas Franck, erneut des Falles annahm. Die Spur, so hieß es damals, führe nach rechts.

Das hat sich nun offenbar bestätigt. Wie der Spiegel berichtet, deutet mittlerweile alles daraufhin, dass der damals 26-jährige Bernd V., ein Münchner Krimineller und „glühender Antisemit“, hinter dem Anschlag steckt. Den Mann hatte bei früheren Ermittlungen offenbar niemand auf dem Radar. Laut Spiegel war ihm von Bekannten ein „Hitler-Tick“ attestiert worden; vor Gericht habe er einmal angegeben, er sei von einem Onkel, der eine starke Bezugsperson gewesen sei, in „Liebe zum Führer“ erzogen worden.

Bernd V. hatte ein umfangreiches Strafregister: Schon als Jugendlicher sprengte er Telefonzellen in die Luft, später vor allem Panzerschränke. Spektakulär war der Diebstahl der berühmten, 500 Jahre alten „Blutenburger Madonna“. Die Holzstatue erbeuteten V. und zwei Komplizen bei einem Einbruch in eine Münchner Kapelle. Besonderes Aufsehen bekam der Fall noch durch das Versteck der Madonna: V. hatte sie in einem Paket dem beliebten Münchner Schauspieler Walter Sedlmayr zur Aufbewahrung gegeben, freilich ohne dessen Wissen. Dennoch bezichtigte V. Sedlmayr zunächst, Auftraggeber des Diebstahls gewesen zu sein, als das Einbrechertrio nach drei Monaten aufflog.

Verdächtiger starb 2020

Auf V. als mutmaßlichen Brandstifter in der Reichenbachstraße waren die Ermittler allerdings erst gestoßen, nachdem sich vor etwa einem Jahr eine Zeugin an die Münchner Generalstaatsanwaltschaft gewandt hatte. Die Frau berichtete, was ihr ein naher Verwandter anvertraut habe: Er habe mit Bernd V. und einem weiteren Komplizen am Abend des 13. Februar versucht, am Gärtnerplatz ein Juweliergeschäft auszurauben – allerdings ohne Erfolg.

Bernd V. sei daraufhin sehr wütend geworden und habe begonnen, auf Juden zu schimpfen. Dann habe er auf das nur wenige Schritte vom Gärtnerplatz entfernte jüdische Gemeindezentrum gezeigt und gesagt, nun werde er sie anzünden.

Wenn auch alle Mitglieder der Einbrecherbande inzwischen tot waren – Bernd V. selbst starb 2020 –, nahm die Generalstaatsanwaltschaft erneut ein Ermittlungsverfahren auf und trug Puzzlesteine zusammen, die den Verdacht gegen V. untermauerten. So hatten damals Zeugen einen verdächtigen Mann in der Nähe des Tatorts gesehen, dessen Beschreibung auf V. zutraf.

Und dann gab es da noch einen weiteren Hinweis – der zugleich Fragen beantwortet und neue aufwirft: Wie der Spiegel schreibt, soll sich Jahre nach dem Anschlag ein Häftling an die Behörden gewandt und berichtet haben, sein Zellennachbar, eben jener Bernd V., habe im Gespräch mit ihm angedeutet, für das Feuer verantwortlich gewesen zu sein. Auf die Frage, warum man diesem Hinweis damals offenbar nicht ernsthaft nachging, gibt es bislang keine Antwort.

  • informationsspiegel

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