Historikerin über Stricken und Coden: „Es gibt viele Wege, Informationen ohne Text zu teilen“

taz: Sie haben auf dem 39. Chaos Communication Congress einen Vortrag über Stricken gehalten. Wie passt das zu einem der größten Hackertreffen der Welt?

Jacqueline Malchow: Stricken und Programmieren basieren auf binären Konzepten, in denen Informationen heruntergebrochen werden: 1 und 0 beim Coden, links und rechts beim Stricken. Ich selbst kann nicht programmieren, aber einige sagen: Wenn du Coden lernen möchtest, lerne gleichzeitig Stricken. Und Stricken zeigt uns außerdem: Kodieren muss nicht Hightech sein. Manchmal sind die einfachen Lösungen die besseren, um Wissen zu speichern. Die „Knitting Spies“ haben im nazibesetzten Frankreich Informationen geschmuggelt, in Form von Strick. Diese Spioninnen wurden meistens nicht erwischt, weil Textilien nicht als Informationsmaterial wahrgenommen wurden. Strick ist nicht hackbar, nicht von Strom abhängig.

taz: Welche Vorteile außer der versteckten Kommunikation hatte das Stricken von Nachrichten noch?

Malchow: Weiblich konnotierte Arbeit wurde und wird permanent unterschätzt. Einige Geschichten handeln von alten Damen, die mit Blick auf Verladestationen oder Bahnhöfe lebten. Sie saßen strickend am Fenster. Normalerweise würde eine Person, die den ganzen Tag am Fenster sitzt und den Bahnhof beobachtet, in einer Kriegssituation als verdächtig wahrgenommen. Hält die Person dabei Strickzeug in der Hand, wird sie als harmlos empfunden.



Bild: privat

Im Interview: Dr. Jacqueline Malchow

arbeitet als Historikerin im Museum. Sie studierte Anglistik und Geschichte an der Universität Hamburg, wo sie auch promovierte. Ihre Schwerpunkte sind Theatergeschichte des 18. Jahrhunderts, Geschichte marginalisierter Gruppen und NS-Provenienzforschung. Textile Handarbeit ist ein Hobby, dass sie seit früher Kindheit begleitet.

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taz: Inwiefern waren diese alten Damen „gefährlich“?

Malchow: Sie kommunizierten beispielsweise mit bestimmten vorher abgesprochenen Codes im Strick Truppenstärken. Dann wurde mal dreimal links gestrickt für einen erhobenen Streifen oder eine Masche fallen gelassen, um ein Loch zu erzeugen. All das war eine Information. Heraus kamen etwas wilder gemusterte Schals oder Socken, die die Frauen ohne Verdacht zu erregen weitergeben konnten. Selbst wenn man einen Code vermutet: Nur wenige können ihn knacken.

taz: Was ist Ihnen bei der geschichtlichen Betrachtung des Themas noch aufgefallen?

Malchow: In der historischen Forschung – besonders der westlichen – wird vor allem Schrift als Quelle anerkannt. Das ist unglaublich snobbig. Schreiben war ein Privileg. Ich arbeite in historisch-musealen Bereichen, in denen von Objekten ausgehend Geschichten erzählt und belegt werden. Der Blick auf die materielle Ebene ist wichtig, vor allem, wenn man marginalisierte Geschichten erzählen möchte. Textile Objekte erzählen die Geschichte von Menschen, die keinen Zugang zu Schrift hatten. Es gibt viele Wege, Informationen ohne Text zu teilen. Auch heute gibt es genügend Bereiche, in denen sich das lohnen würde.

taz: Welche Bereiche meinen Sie?

Malchow: Weltweit müssen Leute momentan Wege aus Ländern oder Systemen finden. Informationen dazu sollten am besten nicht überwachbar sein, damit faschistoide Obrigkeiten sie nicht einsehen, ändern oder zurückverfolgen können. Schon die Underground Railroad versteckte ihre Hinweise in Stoff. Ab den 1780er Jahren bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts half dieses Netzwerk in den heutigen USA Menschen bei der Flucht aus der Versklavung. Die Wege sollen unter anderem durch kodierte Muster in Quilts unterstützt worden sein. Außerdem wurden die Fluchtrouten häufig in Frisuren geflochten. Es gibt die Geschichte, dass die Haare versklavter Leute von anderen Menschen so geflochten wurden, dass sie den Weg gezeigt haben, wo man rechts, wo man links abbiegen muss. Das wurde sogar in der BBC-Serie „Doctor Who“ in einer Folge von 2025 aufgegriffen.

taz: Sollten sich auch Privatpersonen in Deutschland Gedanken über das Kodieren von Informationen machen?

Malchow: Wenn man sich anschaut, wohin wir uns politisch gerade bewegen und wie über Chatkontrolle und neue Polizeigesetze diskutiert wird, dann ja. Datenschutz und Privatsphäre werden immer mehr angegangen. Alle Menschen sollten das Recht darauf haben, Informationen über sich selbst so zu speichern und zu dokumentieren, dass sie nicht frei einsehbar sind. Wer Interesse am Kodieren oder am Verstecken von Informationen hat, darf nicht direkt unter Generalverdacht gestellt werden.

taz: Handarbeit ist auch gut für die Gesundheit.

Malchow: Es ist medizinisch bewiesen, dass beim Stricken und Sticken das Cortisol-Level und die Pulsrate sinken. Handarbeit wirkt ähnlich wie Meditation und hilft, ins Verarbeiten von Informationen zu kommen. Deswegen ist es auch so wichtig für Menschen, die etwas in der Gesellschaft verbessern wollen: Wenn sie sich selber kaputt machen, dann ist niemandem geholfen. Setz dich doch mal eine Stunde hier in die Ecke und mach was auch immer dich gerade glücklich macht, egal ob es Gartenarbeit ist oder Textil. Wenn sich Leute, die die Welt verbessern wollen, gesund halten, Selfcare betreiben, dann ist das politisch.

taz: Also ist Handarbeit auch ein Mittel gegen Reizüberflutung?

Genau deshalb wird Handarbeit wieder beliebter. Wir wollen Dinge mit den Händen tun, die greifbar sind und am Ende sichtbare, anziehbare Belege von Selbstwirksamkeit liefern. Wenn ich vor einem Bildschirm sitze, ist da ein Output, aber der ist nicht anfassbar. Meine aktivste Crafting-Zeit war während des Promovierens, als ich täglich zwölf Stunden am Rechner schrieb und danach nicht das Gefühl hatte, ich hätte irgendwas getan. Danach zu stricken und etwas fertigzustellen, fühlte sich gut an.

taz: Viele, die bei 39C3 Strickzeug dabei hatten, haben es während Ihres Vortrags herausgeholt. Wie war das für Sie?

Malchow: So schön! Ich stricke selbst gern in der Öffentlichkeit. Da überschneiden sich zwei von meinen Forschungsgebieten: Zum einen ist die weibliche Konnotation mit dem Häuslichen eine Erfindung des 18. Jahrhunderts. Das gab es vorher in der Art und Weise noch nicht. Ich weigere mich, Dinge, die als weiblich und als häuslich konnotiert sind, in diesem Häuslichen zu lassen. Ich sehe es als etwas Positives, Leute in der Öffentlichkeit handarbeiten zu sehen. Ich sitze auch in Meetings mit Vorgesetzten und stricke. Wenn es jemanden stört, soll er was sagen. Bisher habe ich aber noch kein negatives Feedback bekommen. Stattdessen machen Kolleginnen jetzt mit. Und andere Leute sagen: Ich würde das gerne mal probieren.

taz: Es ist also ein verbindendes Element selbst bei der Arbeit?

Malchow: Nicht nur dort. Sobald jemand Handarbeitszeug in der Hand hat – und es ist egal welches – und ich mich mit meinem danebensetze, haben wir einen Verbindungspunkt. Wir können reden, aber müssen nicht. Wir sind einander sichtbare Ruheanker, die sich alleine durch die Tätigkeit das Gefühl vermitteln: Okay, wir gehören zusammen, wir sind in dem Moment eine Community.

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