Spanien, Portugal, Marokko: Der Süden steht unter Wasser

Grazalema ist zum Symbol für das Unwetter geworden, das Südspanien, aber auch Südportugal und Nordmarokko seit Tagen heimsucht. Ein Sturmtief nach dem anderen kommt seit Wochen vom Atlantik und sorgt für Regenfälle, die längst das übertreffen, was normalerweise weiter im Norden auf der Iberischen Halbinsel in einem Jahr fällt. Das Wasser bedroht Grazalema gleich doppelt.

Der 1.900-Einwohner zählende Ort in Andalusien liegt mitten in einem Kalksteingebirge. Der Regen fließt nicht mehr schnell genug ab. Von unten füllen sich die Höhlen und Risse im Kalkstein mit Wasser. Das tritt dort aus, wo es nie zum Vorschein kam. Geologen vom Spanischen Wissenschaftsrat sprechen von einem „gigantischen Schwamm“. An manchen Stellen sei der Grundwasserspiegel schlagartig um 200 Meter angestiegen.

Auf Straßen und in den Häusern öffnen sich Löcher. Selbst aus den Wänden der Häuser sprudelt es. Bewohner berichten von starkem Lärm, ein Grollen im Untergrund. Es ist das Wasser, das sich dort seinen Weg bahnt. Grazalema wurde komplett evakuiert. Wann die Bewohner zurückkehren können, steht nicht fest. Es regnet weiter und Experten schließen nicht aus, dass das Gelände nachgibt und sich riesige Senklöcher auftun.

In ganz Andalusien haben mittlerweile über 11.000 Menschen ihre Wohnungen verlassen müssen. Die großen Flüsse wie der Guadalete oder der Guadalquivir sind über die Ufer getreten. Bedroht ist selbst die Provinzhauptstadt Cordoba. 33 Stauseen mussten bereits ihre Schleusen öffnen und Wasser ablassen, was die Überschwemmungsgefahr noch erhöht. Kleinere Bäche haben sich wie im Ort Ubrique zu reißenden Flüssen verwandelt und überfluten ganze Dörfer. Mehr als 10.000 Feuerwehrleute, Polizisten und Soldaten der Notfalleinheit UME sind im Einsatz.

Einige Dörfer in Portugal müssen später wählen

Über 200 Straßen sind gesperrt, 75 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche in Mitleidenschaft gezogen. Zwei Menschen kamen in den Fluten ums Leben. Die andalusische Regionalregierung schätzt die Schäden alleine bei den Straßen auf eine halbe Milliarde Euro. Die Landwirtschaftsverbände reden von drei Milliarden Euro Ausfällen. Vielerorts können die Oliven nicht geerntet werden.

Im benachbarten Portugal sieht es nicht besser aus. Dort stehen viele Orte in der südlichen Hälfte des Landes unter Wasser. 13 Tote sind bereits zu beklagen. Über 1.000 Menschen mussten ihre Häuser bisher verlassen. 100.000 sind ohne Strom. Der Schaden wird auf vier Milliarden Euro geschätzt.

1.600 Soldaten sind in insgesamt 41 Dörfern im Einsatz. Der größte europäische Stausee, Alqueva, an der Grenze zwischen Portugal und Spanien musste die Schleusen öffnen. Das wiederum lässt den Fluss Guadiana stark ansteigen. Mehrere portugiesische Orte haben den an diesem Sonntag stattfindenden zweiten Durchgang der Präsidentschaftswahlen um eine Woche verschoben. Sie im ganzen Land auszusetzen, wie der rechtsextreme Kandidat Andrés Ventura, der in der Stichwahl auf den Sozialisten und Favoriten für das Amt des Staatschefs, António José Seguro, trifft, ist nicht möglich. Die Verfassung sieht dies nicht vor.

Auch im Norden Marokkos fordern die Sturmtiefs ihren Preis. Ksar al Kebir, eine Stadt mit über 100.000 Einwohnern, musste, neben weiteren Orten, komplett evakuiert werden. Insgesamt warten 150.000 Menschen in Notunterkünften darauf, dass das Wasser zurückgeht. Mehrere Orte sind völlig abgeschnitten und werden von der Armee per Hubschrauber mit Lebensmitteln versorgt.

Der ängstliche Blick auf die Wolken geht weiter. Noch mindestens eine Woche lang sagen die Meteorologen weitere Regenfälle vorher. Sie reden von einem „Zug der Sturmtiefs“. Durch eine Fragmentierung der kalten Luftschichten über der Arktis und die Erwärmung der Meere infolge des Klimawandels ziehen diese Tiefs nicht wie sonst durch Nord- und Mitteleuropa, sondern durch den Süden. Sie nehmen dabei wärmere Luftschichten aus der Karibik mit, die sehr viel Feuchtigkeit aufgenommen haben. Dadurch kommt es zu den ungewöhnlich starken Niederschlägen.

  • informationsspiegel

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