ICE-Abzug aus Minneapolis: „Nichts wird mehr so sein wie vorher“

Anne Lehman konnte weder Erleichterung noch Freude verspüren, als sie am Donnerstag diese Nachricht erreichte: Donald Trumps Einwanderungstruppe ICE sollte aus ihrer Heimatstadt Minneapolis abziehen. „Wir sind alle viel zu erschöpft“, sagte sie am Telefon in ihrem Geschäft in der Gegend Powderhorn im Süden von Minneapolis. „Außerdem trauen wir diesen Typen nicht. Ich glaube das erst, wenn ich das sehe.“

Lehmans Stimmung spiegelte die Gefühlslage in ganz Minneapolis am Donnerstag wider. Sogar der Bürgermeister von Minneapolis, Jacob Frey, hatte im Fernsehen die rund 435.000 Bürger der Stadt dafür gelobt, sich gegen ICE gestemmt und mit ihrer Forderung nach Rechenschaft und ihrer Dauerbeobachtung von ICE die Trump-Regierung unter Druck gesetzt zu haben. „Das ist ein Triumph für unsere Bürger und für die Demokratie“. Doch in der Stadt fühlte es sich nicht wie ein Triumph an.

Es gab keine spontanen Straßenfeste, wie noch vor wenigen Wochen, als der martialische ICE-Chef Greg Bovino aus Minneapolis abgezogen wurde. Stattdessen gab es eine stille Mahnwache an dem Ort, an dem der Krankenpfleger Alex Pretti erschossen worden war. In Gruppen von zehn Personen traten die Menschen von Minneapolis an das improvisierte Denkmal heran und gedachten stumm des Toten.

Ganz ähnlich ist auch die Haltung von Anne Lehman. „Es ist zu viel passiert, als dass wir uns jetzt freuen können. Nichts wird mehr so sein wie vorher. Es gibt ein Minneapolis vor der Invasion und ein Minneapolis danach.“

Kollektives Trauma für Minneapolis

Sie selbst sprach von einem „komplexen Trauma“, das sie erlitten habe: „Ich kann nicht mehr schlafen, ich zucke bei jeder Kleinigkeit zusammen.“ Eine Formulierung, die auch der Gouverneur von Minnesota, Tim Walz, verwendete. „Minneapolis hat ein kollektives Trauma zu verarbeiten.“

Menschen wie Anne Lehman sind davon besonders betroffen. Ihr Sex-Shop „Smitten Kitten“ war von Anfang an ein Zentrum der Nachbarschaftshilfe. Vom ersten Tag an sammelte sie Lebensmittel und Geld für Nachbarn, die keine Dokumente haben und die sich nicht mehr vor die Tür trauten. Sie holten von ICE festgenommene Menschen, die in Texas gestrandet waren, zurück und halfen ihnen beim Neustart.

Smitten Kitten wurde ein Hauptquartier des Widerstands, und Anne Lehman bekam das zu spüren. „ICE hat mich permanent beobachtet, sie waren in zivil in meinem Laden, sie haben mich beschimpft und bespuckt.“

Das Gefühl der Belagerung und des Ausnahmezustands wird in Minneapolis noch lange anhalten. Und dann gibt es noch ganz handfeste Folgen der ICE-Invasion, unter denen die Stadt leidet. Die Lokalzeitung Minneapolis Star zählte etliche Schulen auf, an denen der Unterricht unterbrochen wurde. Geschäfte mussten schließen, weil sie keine Mitarbeiter mehr hatten. Betroffene verloren ihre Jobs und werden diese vermutlich nicht wieder zurückbekommen.

Ratschläge für die nächste Stadt, die ins Visier von ICE gerät

Auch von Einwanderer-Communitys wurde berichtet, die über Jahrzehnte gewachsen und die jetzt zerstört sind. „Die Operation mag zu Ende sein. Aber die entführten Menschen sind immer noch verschwunden. Familien sind noch immer auseinandergerissen. Und die ICE-Milizen ziehen weiter in die nächste Stadt“, hieß es dort.

Daran musste auch Anne Lehman denken. So postete sie am Donnerstagabend auf Instagram ein Video mit Ratschlägen für die nächste Stadt, die ICE ins Visier nimmt. „Besorgt Euch Walkie-Talkies. Öffnet einen Signal-Chat. Und freundet Euch mit Euren Nachbarn an, weil sie die einzigen sind, die Euch helfen werden.“

Das ist eine starke Hinterlassenschaft der furchtbaren 70 Tage von Minneapolis. Es war ein Lehrstück in Mut und Solidarität. Und das nicht nur für US-amerikanische Städte.

  • informationsspiegel

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