Bad Bunny und Valentinstag: Antifaschismus heißt, ein Gras­büschel zu sein

W enn Sie noch nicht wissen, als was Sie sich dieses Jahr an Karneval verkleiden sollen, hier mein Vorschlag: Grasbüschel. Nicht einfach so, weil lustig, sondern als politisches Statement.

Grasbüschel sind seit dieser Woche für mich das schönste antitrumpistische und damit – was soll der Geiz – auch das schönste antifaschistische Symbol seit der Erfindung antifaschistischer Symbole. Vergessen Sie Aufnäher mit durchgestrichenen Hakenkreuzen. Nähen Sie sich Grasbüschel auf den Hoodie, stecken Sie sich Grasbüschel ans Revers, setzen Sie sich eine Grasbüschelperücke auf oder gehen Sie als Ganzkörper-Grasbüschel ins Büro.

Wer diese Woche aufmerksam durch seine Social-Media-Feeds scrollte, hat safe mitbekommen, was es mit den Grasbüscheln auf sich hat. Seit der legendären Halbzeitpausenshow von Bad Bunny beim Super Bowl vergangenen Sonntag gehen Dutzende Videos und Memes viral.

Zu sehen ist, wie hunderte Statisten, die von den Zehenspitzen bis weit über ihre Köpfe in Grasbüschel stecken, ins kalifornische Lev’s Stadium watschelten, um dort gemeinsam das riesige Zuckerrohrfeld zu bilden. Eigentlich waren sie nur die Deko am Rand der knallbunten, das Leben feiernden Bad Bunny Show, in deren Zentrum die La­tein­ame­ri­ka­ne­r*in­nen standen, die größte ethnische Minderheit in den USA.

Unpolitischer Schlagerauftritt?

Und jetzt die Auflösung: US-Präsident Donald Trump bezeichnete die Show einschließlich der Grasbüschel als Affront gegen die Größe Amerikas und als schrecklichste Halftimeshow, die es je im Superbowl gab. Weltweit wurde sie als politische Liebesbotschaft gegen den Hass gefeiert (pssst, nicht ganz, der FAZ-Herausgeber beispielsweise konnte nur einen unpolitischen Schlagerauftritt erkennen).

Dass das Zuckerrohrfeld aus Menschen zusammengesetzt war, wurde erst hinterher bekannt. Im Stadion sah es nach einfacher Deko aus. Die Grass People (wie sie Bad Bunny nennt) oder Grass Bunnies (wie sich die Sta­tis­t*in­nen selber nennen) hatten bis vor zwei Wochen keine Ahnung, dass ihnen da was über den Kopf wachsen würde, sie wurden bis zum Ende der Show zur Verschwiegenheit verpflichtet. Von der Deko zum antritrumpistischen Symbol – hollywoodreif. Die Sache ist das neue „vom Tellerwäscher zum Millionär“. Und dabei sind Grasbüschel so viel schöner und emotional mit längerer Haltbarkeit gesegnet als irgendeine politische Parole, die Bad Bunnys Show nicht brauchte, um ein politischer Akt zu sein.

Ein politischer Akt besteht heute darin, das nächste Video, das uns aus der täglichen Trump-Shitshow in die Feeds gespült wird, zu skippen und stattdessen die hunderte Videos und Memes der rührend watschelnden Wackelbüsche anzuschauen: wie plötzlich dutzende Büschel auf einem Bürgersteig auftauchen oder sich zwei Büschel beim Stadioneinlauf zu nahe kommen und auf die Füße treten. So sieht heute Antifaschismus aus.

Die Botschaft von Bad Bunny, „The only thing more powerful than hate is love“, mag nach Schlager und Hippie klingen, aber sie ist angesichts des mörderischen Hasses, den Trump sät, absolut antifaschistisch.

Am 14. Februar ist Valentinstag und es ist an der Zeit, auch das antifaschistische Potenzial dieses Tages der Liebe herauszuarbeiten. Nichts gegen die interessanterweise kurz auf ihn folgenden feministischen Kampftage Equal Pay Day (27. Februar) und Weltfrauentag (8. März). Aber auch den 14. Februar sollten wir nicht als Mann-kauft-Frau-nach-Feierabend-noch-schnell-ein-paar-Tulpen-im-Discounter-Tag verkommen lassen.

Ich jedenfalls könnte mir grade keinen größeren Liebesbeweis vorstellen als jemand, der am Valentinstag als Grasbüschel vor meiner Tür steht.

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