Marlies Krämer ist tot: Der Feminismus verliert eine „Inhaberin“

Bis 2018 war Marlies Krämer für die meisten eine Unbekannte. Aber dann wandte sie sich an den Bundesgerichtshof, weil sie sich keinen Rat mehr wusste. Sie wollte in Behördenpapieren als Frau angesprochen werden. Bis dahin galt die alt-eiserne Regel: Formulare, Fragebögen, Antragspapiere waren ausschließlich im Maskulinum gehalten. Das ärgerte Marlies Krämer, vor allem wenn sie auf den Überweisungsträgern der Sparkasse, wo sie Kundin war, Geldsummen in die Felder „Einzahler“ und „Zahlungsempfänger“ eintragen musste. Ich bin eine Frau, ärgerte sie sich, und damit nun mal eine Einzahlerin und Zahlungsempfängerin.

Es hätte durchaus klappen können mit der zweigeschlechtlichen Formularsprache. Schon 1996 hatte die Verkäuferin, Soziologin und Feministin erreicht, dass im Reisepass fortan die Unterschrift von der „Inhaberin“ oder vom „Inhaber“ verlangt wurde. Ebenso dass Tiefdruckgebiete seit 1999 wechselseitig mit Frauen- und Männernamen benannt werden, ist Marlies Krämer zu verdanken. Zu Recht kritisierte sie, dass die bis dahin ausschließlich weibliche Benennung der Tiefdruckgebiete misogyn sei.

Krämers Sparkassenfiliale im Saarland indes blieb stur. Würde der Wunsch der Kundin nach Formularen für Frauen und Männer umgesetzt, müssten zu viel Papier neu bedruckt werden. Außerdem schließe „der Kunde“ automatisch „die Kundin“ mit ein. Und so zog Marlies Krämer, die damals schon 80 Jahre alt war, durch sämtliche gerichtliche Instanzen, die ihr zur Verfügung standen. Ihr Argument war stets dasselbe: das Gleichbehandlungsgesetz, das Diskriminierungen aufgrund des Geschlechts verbietet. Wenn also Frauen in den Formularen als Männer angesprochen werden, würden sie nun mal diskriminiert.

Der Bundesgerichtshof gab der Sparkasse recht, aber Marlies Krämer ließ nicht locker und zog vor das Bundesverfassungsgericht. Doch auch dort verlor sie. Das Gericht nahm die Verfassungsbeschwerde im Jahr 2020 erst gar nicht zur Entscheidung an, da diese nicht den Begründungsanforderungen genügte.

Jetzt ist Marlies Krämer tot. Sie starb bereits am 4. Februar im Alter von 88 Jahren, wie die Staatskanzlei in Saarbrücken mitteilte.

Obwohl es in den vergangenen Jahren ruhig war um die Feministin, als die sie sich auch immer bezeichnete, ist die Debatte um die Gendersprache weitergegangen.

Mittlerweile kennt die deutsche Sprache Doppelpunkte, das Binnen-I, Unter- und Querstriche, das Sternchen. Diese Formen stehen bei konservativen und rechten Kräften auf dem Index, sie versuchen, sie wieder abzuschaffen. Wer Marlies Krämer jemals kennengelernt hat, ahnt, mit welcher Beharrlichkeit und Zuversicht die stets positive Frau sich solch rückwärtsgewandten Sprachforderungen ganz sicher entgegengestellt hätte.

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