Premiere „Böses Glück“ in der Volksbühne: Die Kindfrau sitzt schweigend da

Dieser Abend war eine Frechheit. Er hat Zeit, Geld und Nerven gekostet – und dabei ausgerechnet den Frauen und Mädchen, denen er eine Stimme geben wollte, einen Bärendienst erwiesen. Gemeint ist die Uraufführung „Böses Glück/Cult of the Daughter“ an der Volksbühne Berlin. Inszeniert wurde sie von Benny Claessens, der sich bisher vor allem als Schauspieler einen Namen gemacht hat. Seit einiger Zeit führt er selbst Regie, nun hat man ihm die große Bühne überlassen.

Zugegeben, gewisse Erwartungen waren vorhanden: Claessens, der in seinen Rollen gerne wie eine überdrüssige Teenagerin oder Diva agiert, nimmt sich nun das autofiktionale Werk von Tove Ditlevsen vor – eine spannende Kombination. In der Trilogie erzählt die dänische Autorin schonungslos von ihrem Ausbruch aus einer Arbeiterfamilie, ihrem unbedingten Wunsch Schriftstellerin zu werden und dem Hadern mit übergriffigen Männern und ihrer Mutterrolle. Das Ganze verschneidet Claessens mit einem neuen Text von Olga Ravn, die gerade zum zweiten Mal für den Booker Prize nominiert wurde, und holt außerdem die Berliner Rapperin addeN dazu.

Zu Beginn der Aufführung sieht man die Schauspielerin Ann Göbel im Auto sitzen und ein bitteres Lied singen. Es handelt von Abtreibung oder Totgeburt. Ihre Figur ist zerrissen zwischen mütterlicher Liebe und Selbsterhaltung, das Gesicht wird zur müden Fratze. Auf der Bühne dahinter ein Haus in Flammen, daneben eine Kapelle mit brennenden Kerzen. Das Ensemble sitzt am Tisch und redet von frühkindlichen Traumata, man feindet sich an, verliebt sich. Allerdings fällt es über weite Strecken des Stückes schwer, etwas anderes als Genervtheit für die Charaktere zu empfinden. Denn so wie die Rollen angelegt sind, kommen sie wie überhebliche Kunststudierende daher, die fast alles ironisch ausstellen oder vernuscheln müssen. Gut, die Truppe – Claessens steht selbst mit auf der Bühne – will ganz in der Tradition des Hauses schrill, wild und punkig auftreten. Doch leider fehlt ihnen an diesem Abend dafür das Format echter Volksbühnengrößen.

Göbel spielt die Theater-Ditlevsen als naive Kindfrau mit blonder Barbieperücke und weißem Unschuldsoutfit. Ihre Stimme ist die einer Kathrin Angerer, aber eben nicht ganz. In einem Exkurs sieht man sie umrahmt von Puppen bei einem Brutalo-Proll sitzen, der – natürlich! – von einem Österreicher gespielt werden muss. Jedenfalls schildert der Schauspieler Georg Friedrich auf ösideutsch den Fall eines Mannes, der ein Mädchen vergewaltigt hat. Friedrichs Figur denkt über mögliche Gründe für die Tat nach: Der Täter seit seiner Geburt gesellschaftlich geächtet, ein Außenseiter, und so weiter. Theaterprovokation hin oder her: Angesichts immer neuer Fälle von sexualisierter Gewalt, die gerade ans Licht kommen, irritieren solche Erklärungsversuche, zumal die Frauenfigur bloß stumm daneben sitzt und zuhört.

Gisèle Pelicot, die Epstein-Files und, auf einem weitaus niedrigeren Niveau, das kürzlich bekannt gewordene Interview mit dem baden-württembergischen CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel: Die Sexualisierung von weiblichen Körpern ist allgegenwärtig, ebenso wie Frauenhass und misogyne Gewalt. Doch statt vor diesem Hintergrund ein einfühlsames oder gar emanzipatives Stück zu entwickeln, wirkt es, als hätte das Team um Benny Claessens die Dimension des Grauens, das einen beträchtlichen Teil der weiblichen Lebensrealität ausmacht, nicht wirklich erfasst. Dabei ist nicht das Problem, dass man sich dazu entschieden hat, aus allem eine groteske Abrissparty zu machen und dabei Hard Techno zu spielen. Man kann auch harten Themen mit Humor begegnen. Doch es ist ein Unterschied, ob der Humor transformierende Wirkung hat oder ob er sein Sujet verrät.

Die ewige Opferrolle der Frau

Können männliche Regisseure endlich damit aufhören, Geschichten zu inszenieren, von denen sie offensichtlich keine Ahnung haben? Ansonsten werden Frauen bloß wieder als das „ewige Opfer“ dargestellt, das mit seinen Autonomiebestrebungen bei gleichzeitiger Liebesbedürftigkeit irgendwie nervt. Selbst der „Tatort“ schafft es mittlerweile, progressivere Frauenfiguren zu entwickeln als dieser Abend. Im Übrigen wird gerade Tove Ditlevsen die Rolle des Opfers nicht auch nur ansatzweise gerecht. Denn bei aller Verletzlichkeit ist sie ihren Weg gegangen und hatte Erfolg damit.

Warum die Schlingensief-Legende Kerstin Graßmann, die Rapperin addeN und die Autorin Olga Ravn nicht irgendwann aus der Produktion ausgestiegen sind, ist schleierhaft. Immerhin liefert Ravns kryptischer Text über eine Migräneklinik samt spirituellem Tochterkult dann doch noch einen Hauch von Katharsis, indem er an einer Stelle an die innere Stärke von Mädchen und Frauen appelliert, die es zu beschützen gilt. Wobei: Hat man das jetzt richtig verstanden? Wer weiß das bei diesem dreieinhalbstündigen Textwust schon so genau. Deshalb vollstes Verständnis für alle, die den Saal vorzeitig verlassen haben.

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