Das neue „Grundsicherungsgeld“: Schicksal wird zum Stigma

Die neue Grundsicherung stellt Arme unter Verdacht. Manche Mittelschichtmilieus dürften diese Perspektive teilen.

D ie Regierung hofft auf Abschreckung durch das am Donnerstag im Bundestag verabschiedete Gesetz zum neuen „Grundsicherungsgeld“. Sie geht davon aus, dass mehr Arbeitslose einen ungeliebten Job annehmen, aus Angst vor den strengeren Sanktionen. 100.000 Leis­tungs­be­zie­he­r:in­nen weniger in der Grundsicherung würden 850 Millionen Euro an öffentlichen Geldern pro Jahr einsparen, rechnet man im Gesetzentwurf vor.

Die Rechnung dürfte nicht aufgehen. Es gibt Missbrauch und Bequemlichkeit bei manchen Leis­tungs­be­zie­he­r:in­nen – die gab es schon immer. Viel häufiger aber sitzen den Ver­mitt­le­r:in­nen in den Jobcentern Leute  ohne verwertbare Qualifikationen gegenüber. Andere mit Kinderbetreuungspflichten, zu geringen Deutschkenntnissen, körperlichen oder psychischen Problemen. Kaum ein Arbeitgeber will diese Leute einstellen.

Doch die Kampagne der Union, Leis­tungs­emp­fän­ge­r:in­nen der Bequemlichkeit zu verdächtigen und zu stigmatisieren, hat gewirkt. Sie zielt auf die Stimmung in manchen Mittelschichtmilieus, die ungehalten sind angesichts der hohen Ausgaben für das Bürgergeld. Auch weil sich diese Milieus selbst zunehmend unter Druck wähnen, weil die Lebenshaltungskosten so stark steigen. Das ist die Paradoxie des Sozialstaates: Die Aggression gegen Leis­tungs­emp­fän­ge­r:in­nen nimmt zu, wenn die Zeiten härter werden. Dabei ist der Anstieg bei den Bür­ger­geld­emp­fän­ge­r:in­nen eher dem Ukrainekrieg geschuldet als irgendeinem arabischen Clanverhalten, zum Beispiel.

=”” span=””>

Das Logo der taz: Weißer Schriftzung t a z und weiße Tatze auf rotem Grund.
taz debatte

=”” div=””>

Die Frage ist, ob diese Stimmung in den steuerzahlenden Wählermilieus wieder kippt. Dann nämlich, wenn auffällt, dass gar nicht so wenige ein Risiko tragen, selbst in die Grundsicherung zu fallen. Auch wenn sie weiß sind, eine anerkannte Ausbildung haben und Deutsch als Muttersprache. Eine Betriebsschließung, eine Insolvenz, eine Krankheit, eine Scheidung mit Kindern, Pflegebedürftigkeit, eine Minirente – schwupp, schon ist man in der „Grusi“. Das ist Schicksal und kein Stigma. Aber davon ist derzeit lieber nicht die Rede.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei!

Jetzt unterstützen

  • informationsspiegel

    Related Posts

    Musikfestival Out.Fest in Portugal: Stottern, scheuern und dröhnen
    • October 8, 2026

    Ortsbesuch in der portugiesischen Industriestadt Barreiro, wo das experimentelle Musikfestival Out.Fest stattfindet. Inklusion trägt hier zum utopischen Sound bei. mehr…

    Weiterlesen
    Spazierengehen üben: Schlendern wie am Schnürchen
    • October 8, 2026

    Der Spaziergang sollte kein schnelles Weglaufen sein. Es gibt viel zu entdecken. Der Vorsatz des Monats: weiterlaufen, nur nicht zu flott. mehr…

    Weiterlesen

    Nicht verpassen

    Musikfestival Out.Fest in Portugal: Stottern, scheuern und dröhnen

    • 8 views
    Musikfestival Out.Fest in Portugal: Stottern, scheuern und dröhnen

    Spazierengehen üben: Schlendern wie am Schnürchen

    • 7 views
    Spazierengehen üben: Schlendern wie am Schnürchen

    Anklage gegen Polizisten: Frankfurter Polizist soll Mann in Gewahrsam gedemütigt haben

    • 8 views
    Anklage gegen Polizisten: Frankfurter Polizist soll Mann in Gewahrsam gedemütigt haben

    Kampf für Bildungsgerechtigkeit: Keine Gelder mehr für Bildung von Zugewanderten

    • 9 views
    Kampf für Bildungsgerechtigkeit: Keine Gelder mehr für Bildung von Zugewanderten

    Maulkorb für Forschungspolitiker: Galoppierende Geheimhaltung

    • 6 views
    Maulkorb für Forschungspolitiker: Galoppierende Geheimhaltung

    Datenschutzbeauftragter Hennemann: „Digitale Souveränität ist wichtig“

    • 7 views
    Datenschutzbeauftragter Hennemann: „Digitale Souveränität ist wichtig“