Aktivismus und Kritik: Welche Linke darf es denn sein?

D u machst Politik falsch. Ich bin bestimmt nicht die Erste, die dir das sagt. Denn du kannst einfach nichts richtig machen.

Ich will wissen, was andere politisiert und dazu bringt, sich zu engagieren. Deshalb habe ich in den letzten Jahren viele Gespräche mit Menschen geführt, die zum ersten Mal aktiv wurden.

Rentner*innen, die 2015 Geflüchtete unterstützt haben, Kinder, die mit Fridays for Future auf die Straße gegangen sind, Menschen, die Rassismus erfahren haben und beschlossen, sich zu wehren oder Personen, die nach den Enthüllungen um das geheime Treffen von Rechts­ex­tre­mis­t*in­nen in Potsdam erstmalig zu antifaschistischen Demos gegangen sind.

Was diese Gespräche meist verbindet, ist der Kampfgeist am Anfang. Dann die Euphorie. Bis zur Irritation und anschließenden Enttäuschung, wenn ihnen zum ersten Mal erläutert wird, warum das, was sie tun, irgendwie problematisch ist.

Es braucht Mut

Während der Black-Lives-Matter-Proteste suchten junge Schwarze Leute meinen Rat, die gerade zum ersten Mal Demonstrationen organisiert hatten. Ich dachte, sie wollten mit mir über Anmeldung, Mobilisierung oder mögliche polizeiliche Repression sprechen.

Stattdessen ging es darum, dass sich langjährig Aktive aus der Community in harschem Ton beschwert hätten, dass sie alles hätten anders machen müssen und man überhaupt so etwas nicht ohne sie veranstalten könne. Offensichtlich kann man. Wie wir uns erinnern auch sehr erfolgreich.

Man muss nicht Millionen auf die Straße bringen, um problematisch zu sein. Viele wissen das und fangen deshalb gar nicht erst an, sich öffentlich politisch zu äußern. Ich muss zugeben: Ich hielt das lange für eine Ausrede. Etwas Kritik im Detail muss man schon einstecken können, wenn einem ein Anliegen wichtig ist.

Doch die Erzählungen, dass die Sorge nicht Angriffe von rechts seien, sondern Shitstorms von links, sind inzwischen so häufig, dass es sich lohnt, der Sache auf den Grund zu gehen. Verantwortlich sind da wohl nicht nur: Berichte von skeptischen Blicken beim ersten Plenum. Sondern auch: Social Media.

Über das Phänomen der „Abgrenzungslinken“ habe ich bereits in einer anderen Kolumne geschrieben. Es gibt auf verschiedenen Plattformen sehr viel Content dazu, welche Linken keine richtigen Linken sind oder welche Fe­mi­nis­t*in­nen nicht wirklich feministisch.

Keine Ahnung, ob ich mich heute nochmal raus wagen würde, wenn ich aufpassen müsste, keine Pseudoaktivistin, performative Feministin, Lifestyle-Linke, sektiererische Linke oder Token Black Person im weißen Antirassismus zu werden. Laut Tiktok ist das alles eine große Gefahr.

Es braucht Mut, mit einer eigenen Position nach vorne zu gehen. Es ist viel Arbeit, eine eigene Aktion auf die Beine zu stellen. Zu kritisieren, was andere machen, auf Lücken hinweisen, problematisieren und belehren – das ist schneller Content, aus dem nur selten Diskussionen entstehen, die Bewegungen inklusiver werden lassen.

Dazu kommt: Die, die uns am nächsten sind, kritisieren wir am härtesten. Nachvollziehbar, aber der guten Sache nicht dienlich. Von denen, die die wenigsten Ressourcen haben, verlangen wir oft am meisten. Perfektionismus hält alle davon ab, überhaupt mit der Arbeit zu beginnen. Im Kampf gegen rechts können wir uns das nicht leisten. Also macht einfach und vor allem: Lasst die Leute machen.

  • informationsspiegel

    Related Posts

    Musikfestival Out.Fest in Portugal: Stottern, scheuern und dröhnen
    • October 8, 2026

    Ortsbesuch in der portugiesischen Industriestadt Barreiro, wo das experimentelle Musikfestival Out.Fest stattfindet. Inklusion trägt hier zum utopischen Sound bei. mehr…

    Weiterlesen
    Spazierengehen üben: Schlendern wie am Schnürchen
    • October 8, 2026

    Der Spaziergang sollte kein schnelles Weglaufen sein. Es gibt viel zu entdecken. Der Vorsatz des Monats: weiterlaufen, nur nicht zu flott. mehr…

    Weiterlesen

    Nicht verpassen

    Musikfestival Out.Fest in Portugal: Stottern, scheuern und dröhnen

    • 9 views
    Musikfestival Out.Fest in Portugal: Stottern, scheuern und dröhnen

    Spazierengehen üben: Schlendern wie am Schnürchen

    • 8 views
    Spazierengehen üben: Schlendern wie am Schnürchen

    Anklage gegen Polizisten: Frankfurter Polizist soll Mann in Gewahrsam gedemütigt haben

    • 8 views
    Anklage gegen Polizisten: Frankfurter Polizist soll Mann in Gewahrsam gedemütigt haben

    Kampf für Bildungsgerechtigkeit: Keine Gelder mehr für Bildung von Zugewanderten

    • 10 views
    Kampf für Bildungsgerechtigkeit: Keine Gelder mehr für Bildung von Zugewanderten

    Maulkorb für Forschungspolitiker: Galoppierende Geheimhaltung

    • 9 views
    Maulkorb für Forschungspolitiker: Galoppierende Geheimhaltung

    Datenschutzbeauftragter Hennemann: „Digitale Souveränität ist wichtig“

    • 7 views
    Datenschutzbeauftragter Hennemann: „Digitale Souveränität ist wichtig“